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Glyphosat: Von Ängsten und Wahrheiten

Schon seit Monaten streitet die EU über die Risiken des Pflanzenschutzmittels. Kritiker halten das Mittel für krebserregend und fordern ein Verbot. Aber sind die Alternativen wirklich besser?

Mit manchen Sätzen macht man sich derzeit nicht viele Freunde. “Wer Glyphosat verbieten will, sollte sich vorher auch die Auswirkungen der Alternativen anschauen”, ist so einer – selbst wenn man wie Christoph Schäfers der Parteinahme für Monsanto unverdächtig ist. Dabei spricht der Ökotoxikologe vom Fraunhofer-Institut für Molekularbiologie und Angewandte Ökologie nur aus, was in der derzeitigen Debatte um das Pflanzenschutzmittel viel zu kurz kommt: Wenn Glyphosat vom Markt verschwindet, was ist damit wirklich gewonnen?

Stattdessen dominieren Bilder von grünen, jungen Maispflanzen die Debatte. Sie wachsen auf Feldern, die bis zum Horizont reichen, Kleinflugzeuge besprühen sie, als dichter weißer Nebel regnet das Pflanzengift auf die grünen Triebe herab. Den gentechnisch veränderten Maispflanzen kann das Glyphosat nichts anhaben. Die Unkräuter, die zwischen ihnen sprießen, sterben dagegen in den nächsten Tagen ab.

Szenen wie diese sind zum Symbol der konventionellen Landwirtschaft geworden. Weltweit regnen pro Jahr 720.000 Tonnen des Unkrautkillers auf die Felder, mehr als von jedem anderen Herbizid. In Deutschland wird mehr als ein Drittel aller Felder damit bespritzt. Gleichzeitig ist kein Herbizid derart umstritten. Für die einen ist Glyphosat die größte Errungenschaft der modernen Pflanzenforschung, für Kritiker dagegen ein Verbrechen an Mensch und Umwelt. Sie prangern Schäden für die Artenvielfalt an, weil dem Gift nicht nur die Unkräuter, sondern auch alle anderen Pflanzen zum Opfer fallen. Vor allem aber fürchten sie eine krebserregende Wirkung.

Für Kritiker kann daraus nur ein Verbot folgen. Doch Experten wie Schäfers warnen: Die Abkehr ist nicht automatisch besser für die Umwelt, zudem kann sie teuer und sehr langwierig werden.

Denn im Vergleich zu anderen Herbiziden gilt Glyphosat als eher umweltschonend. Als der Agrarchemiekonzern Monsanto das Mittel 1974 erstmals unter dem Namen “Roundup” auf den Markt brachte, war das eine Jahrhundertinnovation. Während die bis dahin verwendeten Pflanzenschutzmittel über die Wurzeln der Pflanzen wirkten, wird Glyphosat über die Blätter aufgenommen. So versickert ein geringerer Teil des Wirkstoffs im Boden und damit im Grundwasser. Seitdem hat Glyphosat einen beispiellosen Siegeszug hingelegt. Argentinische Sojafelder hat es ebenso erobert wie deutsche Kleingärten.

Eine Folge des Erfolgs: Chemische Alternativen zu Glyphosat gibt es derzeit kaum. Viele Herbizide, die in der Vergangenheit zum Einsatz kamen, sind deutlich schädlicher und längst verboten. Und die, die noch auf dem Markt sind, so wie das Glufosinat von Bayer, sind teurer und haben ähnliche Nebenwirkungen. Wirklich neuartige Herbizide haben es schon seit Jahren nicht mehr auf den Markt geschafft.

“Es ist sehr schwer, neue Substanzen zu entwickeln, die vergleichbare Wirkungen wie Glyphosat erzielen und deutlich besser in Bezug auf Nebenwirkungen sind”, sagt Lothar Willmitzer, Direktor des Max-Planck-Instituts für molekulare Pflanzenphysiologie. Daher hat sich lange Zeit kaum ein Konzern an diese Aufgabe herangewagt. Das hat sich erst geändert, seit in den USA die ersten Unkräuter Resistenzen gegen Glyphosat herausbilden. Konzerne wie Syngenta, Bayer oder BASF haben ihre Aktivitäten in diesem Bereich inzwischen wieder hochgefahren. “Aber bis es Ergebnisse auf dem Markt gibt, kann es noch bis zu zehn Jahre dauern”, sagt Willmitzer.

Gescheitert sind bisher auch Versuche, Nutzpflanzen zu züchten, die dem Unkraut quasi “davonwachsen” – entweder mit gentechnischer Hilfe oder ohne. Forscher wie Lothar Willmitzer versuchen sich schon seit Jahrzehnten daran. Während der Molekularbiologe anfangs noch davon ausging, dass Pflanzen irgendwann auch ohne Pestizide und Herbizide auskommen werden, ist er heute sicher: “Wir werden im konventionellen Landbau, zumindest in absehbarer Zukunft, weiter auf Pflanzenschutzmittel angewiesen sein.”

Die Diskussion um das Glyphosat-Verbot ist damit eine Scheindebatte. Tatsächlich geht es um die viel grundlegendere Frage: Wollen wir eine Landwirtschaft mit Pflanzenschutzmitteln – oder flächendeckenden Biolandbau? Im ökologischen Landbau ist der Einsatz von chemisch-synthetischen Mitteln verboten.

Damit die Unkräuter nicht ungehindert wuchern, muss auch dort immer wieder eingegriffen werden, etwa durch das Abflammen der Unkräuter, also das Abtöten mit einem Gasbrenner. Zudem müssen ganz andere Anbauprinzipien berücksichtigt werden: ein häufigerer Wechsel in der Fruchtfolge zum Beispiel. Aber selbst wenn alle Möglichkeiten des ökologischen Landbaus ausgereizt sind, liegt der Ertrag pro Hektar knapp 20 Prozent niedriger als im konventionellen Anbau. Das haben Forscher der Universität von Kalifornien in Berkeley 2014 ermittelt. Zumindest hierzulande gäbe das die Agrarfläche durchaus her. Allein 2015 haben Landwirte rund 10 000 Hektar Ackerfläche stillgelegt – siebenmal so viel wie noch ein Jahr zuvor.

Sie könnten wieder genutzt werden. Weltweit aber würde es nur gehen, wenn die flächenintensive Fleischproduktion deutlich sinkt – wenn also Menschen weniger Fleisch essen. Zudem würden die Preise für Lebensmittel steigen, nach Zahlen des Ökoinstituts im Schnitt um 31 Prozent. Vor allem aber gelingt die Umstellung auf eine ökologische Landwirtschaft nicht sofort. Sie ist für konventionell wirtschaftende Bauern ein jahrelanger Lernprozess, der mit zahlreichen Rückschlägen verbunden ist. Wenn sich die Gesellschaft also dazu entscheidet, in Zukunft ganz auf Pflanzenschutzmittel zu verzichten und nur noch ökologisch zu wirtschaften: Es wäre ein Jahrzehntprojekt.

Auf absehbare Zeit realistischer sind daher engere Vorgaben für den Einsatz von Glyphosat. Hierzulande wird das Herbizid vor allem direkt nach der Ernte gespritzt. Solange der Boden unbepflanzt daliegt, fangen Unkräuter an zu wuchern. Wenn dann die Nutzpflanzen kommen, haben sie kaum mehr eine Chance, sich gegen die ungeliebten Verwandten durchzusetzen. Glyphosat dagegen hält sie ihnen vom Leib. Ein ähnliches Resultat können Landwirte zwar durch regelmäßiges Pflügen erreichen. Das aber würde einem jahrzehntelangen Trend im Ackerbau ein Ende setzen. “No Till”, also “Kein Pflug”, lautet bisher das Credo in der großflächigen Landwirtschaft.

Zum einen schadet das Pflügen vielen für die Fruchtbarkeit wichtigen Bodenorganismen. Zum anderen liegen nachher die oberen, fruchtbaren Erdschichten lose. Starker Wind oder Regen können den fruchtbaren Humus leicht davontragen. “Insbesondere an Hanglagen oder anderen erosionsgefährdeten Gegenden muss Pflügen nicht unbedingt die bessere Alternative sein”, sagt Fraunhofer-Forscher Schäfers. Er rät zum Kompromiss: den Einsatz von Glyphosat beispielsweise grundsätzlich verbieten, in jenen Gebieten aber als Ausnahme zu erlauben.

Die entsprechenden technischen Lösungen gibt es bereits. Hersteller wie die niedersächsischen Amazonen-Werke tüfteln bereits seit Jahren an neuen, bodenschonenden Pflügen, etwa indem der Boden durch zusätzliche Räder rückverfestigt wird. Ein Kompromiss zwischen Pflug und Chemiekeule würde den Anbau verteuern. Forscher der Georg-August-Universität Göttingen schätzen die Kosten für die zusätzliche Bodenbearbeitung und Ersatzherbizide bundesweit auf bis zu 200 Millionen Euro pro Jahr. “Existenzbedrohend sind die Mehrkosten aber in aller Regel nicht”, betonen die Studienautoren.

Die EU-Kommission empfiehlt zudem, den Einsatz in öffentlichen Parks und Spielplätzen zu minimieren und das Herbizid möglichst nicht kurz vor der Ernte zu spritzen. Diese sogenannte Sikkation ist in Deutschland bereits eingeschränkt, um Rückstände auf den Nahrungsmitteln möglichst zu vermeiden. Nun will die EU sie auch in anderen Ländern minimieren. Der Markt für Glyphosat dürfte also ziemlich sicher schrumpfen.

Am Ende wird das Pflanzengift sogar ganz verschwinden – wenn auch nicht zwangsläufig durch ein Verbot. “Wegen der Resistenzen, die sich inzwischen bei Unkräutern gegen Glyphosat bilden, wird das Mittel in vielleicht 15 Jahren sowieso vom Markt verschwunden sein”, sagt Lothar Willmitzer. Spätestens dann stellt sich die Frage erneut: Was kommt danach?

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