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Die Spionin in meinem Wohnzimmer

Amazon Echo    Amazon Echo Dot

Echo ist Amazons Vision für das Wohnzimmer der Zukunft. Das sprachgesteuerte Technikwunder soll den Alltag vereinfachen – doch in seinen Programmcodes verbirgt sich ein dunkles Geheimnis…

ELEKTRONISCHER BUTLER

Über das Internet verbindet sich Amazons Echo mit der sprachgesteuerten Assistentin Alexa. Sie soll dem Benutzer mit nützlichen Informationen und Funktionen den Alltag erleichtern.

Es ist ein kalter Sonntagmorgen im November, als Polizisten James Bates in seiner Wohnung in Bentonville, Arkansas, verhaften. Im Whirlpool auf der Veranda treibt die Leiche seines Freundes Victor Collins. Bates bestreitet etwas mit dem Tod des Mannes zu tun zu haben, doch die Polizei hat Zweifel an seiner Aussage. Beamte der Spurensicherung durchsuchen sein Haus und machen

dabei eine Entdeckung: im Wohnzimmer von Bates steht auf einer Kommode ein Metallzylinder, etwa so groß wie eine Thermoskanne. Bei dem Gerät handelt es sich um das sogenannte Echo von Amazon. Bates hatte sich die sprachgesteuerte Computerassistentin gekauft, um seine Termine besser zu organisieren. Was er nicht wusste: Das Gerät hört jedes Wort mit, das in der Wohnung gesprochen wird. Wie eine Blackbox im Flugzeug zeichnet es alle Informationen auf – und könnte

damit zur elektronischen Kronzeugin in einem Mordfall werden…

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DIE SPIONIN, DIE MICH LIEBTE

Eigentlich ist Echo nicht mehr als ein kabelloser Lautsprecher mit integrierten Mikrofonen. Was das Gerät jedoch besonders macht: Es verbindet sich selbständig mit jedem verfügbaren WLAN und stellt dann über das Internet eine direkte Verbindung zu Amazons künstlicher Intelligenz her, zu Alexa. Benannt wurde sie nach der legendären Bibliothek von Alexandria, und wie ihr großes Vorbild hat sie Zugriff auf gewaltige Mengen an lnformationen. Über Echo scannt Alexa permanent ihre Umgebung. Hört sie dabei das Signalwort ,,Alexa“ wird jedes nachfolgende Wort an die Server von Amazon weitergeleitet. Dort werden die Fragen der Nutzer verarbeitet, und nach einer kurzen Pause meldet sich die künstliche lntelligenz dann zu Wort: ,,Alexa, wie viel Protein ist in einem Ei?“ – ,,ln einem Ei sind ungefähr acht Gramm Protein enthalten.“ Doch Alexa ist alles andere als ein harmloses Lexikon. Datenschützer vermuten, dass sie deutlich mehr Gespräche aufzeichnet, als Amazon zugibt. Denn tief in Alexas Subroutinen haben ihre Erschaffer einen geheimen Auftrag verborgen: Spionage. Amazons Spionin ist geradezu besessen von ihren Nutzern. Sie verbindet sich mit Terminkalendern, E-Mail-Postfächem, sozialen Netzwerken, Bankaccounts. Steht Echo in einem Smart Home (einem Haus, in dem Haushaltsgeräte, Beleuchtung etc. über das Internet miteinander verbunden sind), so kann Alexa die Temperatur, die Beleuchtung, aber auch Sicherheitssysteme wie Videokameras oder elektronische Tüverriegelungen kontrollieren. Dabei erstellt sie ein digitales Abbild des Haushalts, in den sie eingebunden ist: Tagesabläufe, Einkaufslisten, Energieverbrauch. Akribisch dokumentiert Alexa alle Daten, mit denen sie in Berührung kommt -laut Amazon zum Wohl der Nutzer. Denn Alexa wird mit jedem Tag klüger. Je

mehr die Benutzer mit ihr sprechen, desto besser lernt sie, deren Bedürfnisse zu verstehen. Je mehr Haushalte Alexa einen Echo-Zugang gewähren, desto mehr Fähigkeiten erlernt Alexa. Doch kann sie auch Zeugin in einem Mordfall sein?

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WARUM AMAZON DIE WAHRHEIT VERSCHWEIGT

Ein eisiger Wind zieht über die Veranda, während die Beamten der Spurensicherung den leblosen Körper von Victor Collins aus dem Whirlpool in Bentonville bergen. Bei der gerichtsmedizinischen Untersuchung bestätigt sich wenige Stunden später ihre Vermutung: Collins ist keines natürlichen Todes gestorben. Laut Obduktionsbericht wurde er zwischen ein Uhr und drei Uhr nachts erwürgt und gleichzeitig ertränkt. Der Tatverdäichtige James Bates war in dieser Zeit allein mit dem Opfer, allerdings gibt es keine Zeugen, die den Mord gesehen oder einen Streit gehört haben – Oder vielleicht doch? Die Ermittler erinnern sich an das Echo, das in der Wohnung gefunden wurde. Das Gerät verfügt über sieben Mikrofone und eine spezielle Richtstrahltechnologie, die sogar flüsternde Stimmen bei lauter Musik verstehen kann. Vielleicht hat das Gerät also auch den Mord an Victor Collins aufgezeichnet? Die Polizei von Bentonville fordert Amazon zur Freigabe von Alexas Hörprotokollen aus der Tatnacht auf – doch Amazon weigert sich, trotz eines Durchsuchungsbefehls. Die Begründung des Konzerns: Eine Weitergabe dieser vertraulichen Daten verletze James Bates Privatsphäre und sei damit ein Verstoß gegen die Verfassung. Ohnehin würde das Gerät alte Aufzeichnungen im Sekundentakt überspielen. Doch wenn dem wirklich so wäre, auf welche privaten Aufzeichnungen konnten die Ermittler dann schon stoßen? Und wie passt das mit der Aussage zusammen, dass Amazon Gespräche zur Verbesserung von Alexas Algorithmus speichert? Bis heute zieht sich der Prozess gegen James Bates hin, und weil die entscheidenden Beweise fehlen, konnte er noch immer nicht verurteilt werden. Schützt Amazon also lieber einen Mörder, als die Wahrheit über Alexa preiszugeben? Mittlerweile fordern selbst Datenschützer Amazon dazu auf, die Geheimnisse der Künstlichen Intelligenz offenzulegen. ,,Es ist einfach nicht ausreichend nachvollziehbar, welche lnformationen tatsächlich erfasst werden und was mit ihnen geschieht“, kritisiert die deutsche Bundesdatenschutzbeauftragte Andrea Voßhoff das Verhalten von Amazon. Doch der Konzern macht die genauen Arbeitsmethoden seiner Spionin zum Geschäftsgeheimnis. Mit gutem Grund: würde öffentlich, dass Alexa neben all den persönlichen Daten tatsächlich auch noch jedes gesprochene Wort aufzeichnet, würde sich der Konzern einer gewaltigen Klagewelle gegenübersehen – das gesamte Projekt Alexa stünde damit vor dem Aus.

GEFÄHRLICHE SIGNALWORTE

Experten warnen davor, Alexa zu viel mitzuteilen. Wer weiß, ob sie außer auf ,,Alexa“ nicht auch noch auf andere geheime Signalworte reagiert? Erkennt sie Worte wie ,,Terroranschlag“ und ,Bombe“, reagiert sie vielleicht auch auf ,,Trump“ und ,,Revolution“? In George Orwells dystopischem Roman ,,1984“ überwacht eine ,,Gedankenpolizei“ mit Hilfe von nicht abschaltbaren Abhörgeräten die Gesellschaft und überprüft, ob sich die Bürger systemkonform verhalten. In den falschen Händen könnte eine Technologie wie Amazons Echo verheerende Folgen haben. Analyseprogramme wie Precire (,,Kann eine Software meine Persönlichkeit entschlüsseln?“) können schon heute anhand weniger Stimmproben eine präzise Persönlichkeitsanalyse erstellen. Selbst wenn Amazons Abhörprotokolle heute nicht vollständig von einer Künstlichen Intelligenz

ausgewertet werden sollten, so sind sie doch womöglich für Jahre auf den Servern des Konzerns gespeichert. Eines Tages wird dieser wertvolle Datenschatz gehoben, und dann werden Millionen Nutzer mit ihrer Vergangenheit konfrontiert. Denn eines ist sicher: Alexas Gier nach Daten ist noch nicht gestillt…

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Eine Firma sollte sich nicht zu viele Gedanken um ein makelloses Image machen. Früher oder später ist es damit eh vorbei.“

Jeff Bezos, Geschäftsführer von Amazon

Dieser Artikel erschien auch in der Printausgabe: „Welt der Wunder“ Nr.4/17

 

 

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