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BILD gegen Arte

Wie dumm Zensur im Online-Zeitalter ist. Zum Streit über die Ausstrahlung des Dokumentar-Films: “Auserwählt und ausgegrenzt – Der Hass auf Juden in Europa“

Wie dumm Zensur im Online-Zeitalter ist, zeigt sich wieder einmal am Beispiel des Dokumentarfilms “Auserwählt und ausgegrenzt. Der Hass auf Juden in Europa”. Ausgerechnet die Bildzeitung kann sich als aufklärerisches Medium gerieren, indem es den Film für 24 Stunden online stellt (auch auf YouTube).

Der WDR hatte die Dokumentation in Auftrag gegeben und redaktionell betreut, die Erstaustrahlung war bei Arte vorgesehen. Beide Sender wollen den Film aber nicht zeigen. Dass Bild als Medium der Aufklärung daherkommt und der linksliberale Sender Arte als Zensor, hat sich letzterer aber auch selber zuzuschreiben. Das wird auch noch bei der kurzen Reaktion auf die Veröffentlichung deutlich. So heißt es dort:

ARTE hat zur Kenntnis genommen, dass Bild.de die Dokumentation “Auserwählt und Ausgegrenzt. Der Hass auf Juden in Europa” in eigener Verantwortung online gestellt hat. Auch wenn diese Vorgehensweise befremdlich ist, hat ARTE keinen Einwand, dass die Öffentlichkeit sich ein eigenes Urteil über den Film bilden kann.

Pressestatement ARTE

Warum ist es befremdlich, dass die Bildzeitung dafür gesorgt hat, dass sich die Öffentlichkeit und nicht nur einige Prorammverantwortliche selber eine Meinung von der Qualität der Dokumentation bilden kann? Wenn die Arte-Verantwortlichen sagen, dass sie die Doku auch zukünftig nicht senden wollen, weil das ursprüngliche Konzept verändert wurde, bestätigen sie nur die Vorurteile von einer linksliberalen Elite, die schon mal die gemeine Bevölkerung vor zu viel eigener Urteilskraft bewahren will.

Schon in der letzten Woche war Arte verstärkt unter Druck geraten, weil es die Ausstrahlung der Dokumentation verweigert hat.

Dann hätte man auch darüber diskutieren können, was an der zentralen Kritik der Arte-Verantwortlichen dran ist, dass in der ursprünglich geplanten Fassung der Antisemitismus in Europa im Mittelpunkt stehen sollte und nun der Fokus auf dem Antisemitismus im Nahen Osten steht. Diese Verschiebung kann ja durchaus gut begründet sein.

Hat nicht in den letzten Jahren der islamistsiche und dschihaddistische Antisemitismus massiv zugenommen? Forderte dieser antisemitische Terror nicht in den letzten Jahren die meisten Opfer, ob in Israel, Frankreich oder in welchen Staaten auch immer?

Aber auch die Gegenargumente einer solchen Fokussierung verdienen Beachtung. Wird nicht dadurch die europäische Traditionslinie des Antisemitismus verschwiegen, wenn er nun fast ausschließlich auf den Nahen Osten konzentriert wird? Und ist es nicht für Arte als europäischer Sender ein gutes Argument, auch die Judenfeindschaft der extremen Rechten in verschiedenen europäischen Ländern unter die Lupe zu nehmen.

Schließlich wäre auch die Frage interessant, ob die neuentdeckte Liebe zu Israel in vielen Kreisen der Rechten nicht eher dazu dient, sich als respektablen politischen Partner dastehen zu lassen, als den Antisemitismus zu bekämpfen? Können nicht auch Gruppierungen vor allem der extremen Rechten, die Israel nun als Bollwerk gegen den Islamismus feiern, durchaus selber antisemisch sein? Werden nicht vor allem Jüdinnen und Juden, die nicht in Israel leben wollen, besonders von dieser pro-israelischen Rechten angegriffen?

Die Frage muss umso mehr gestellt werden, wenn selbst ein israel-solidarsicher Linker wie Stefan Grigat in seinem Beitrag in dem im Nomos-Verlag erschienenen Buch FPÖ und AfD – Antisemitismus, völkischer Nationalismus und Geschlechterbilder schreibt:

Würde sich tatsächlich eine dezidiert anti-antisemitische Rechte herausbilden, könnte das nicht nur den jüdischen Gemeinden in Deutschland und Österreich – oder allgemeiner: in Europa – eine gewisse Erleichterung verschaffen, sondern es würde Israel auch einen größeren Handlungsspielraum bei seiner europäischen Bündnispolitik ermöglichen.

Stefan Grigat

Wenn die Rechte Israel lobt

Dass sich diese Rechte damit besser etabliert und dass sie deshalb weiter rassistisch und auch antisemitisch sein kann, müsste doch eher als Gefahr gesehen werden. In seinem Aufsatz geht Grigat schließlich davon aus, dass es sich bei der Pro-Israel-Haltung der Rechten eher um eine Instrumentalisierung handelt. Sehr richtig schreibt er:

Als historisch entscheidender Protagonist des offenen Antisemitismus hat die Rechte dennoch weiterhin besondere Aufmerksamkeit verdient. Es wäre fatal, bei der Linken richtigerweise immer wieder auch implizit, sekundär und strukturell antisemitische Argumentationen ins Visier zu nehmen, bei der politischen Rechten aber Entwarnung zu geben, nur weil sich dort jenseits der offenen neonazistischen Gruppierungen und Parteien explizit judenfeindliche Äußerungen heute seltener finden als in den vergangenen Jahren.

Stefan Grigat

Nun spielt sich diese israelfreundliche Rechte auch in der Debatte um die Arte-Doku als vermeintliche Vorkämpferin der Meinungsfreiheit auf. Wer ein historisches Beispiel für eine rechte Instrumentalisierung Israels sucht, wird bei der Springerpresse fündig. Vor einigen Jahren machte die Ausstellung “Axel Springer und die Juden” deutlich, dass Bildzeitung die Erfolge Israels im Sechs-Tage-Krieg dadurch mit Antisemitismus garnierte, indem sie sie mit den Blitzkriegsstrategien der deutschen Wehrmacht verglich. So konnte man wohl auch die NS-Generation noch davon überzeugen, dass es besser gewesen wäre, man hätte die Juden nicht im KZ ermordet, sondern an die Front geschickt.

Zudem konnten in der Bildzeitung viele Ex-Nazis als Autoren und Karikaturisten aktiv sein, die ihre völkische Propaganda minus den offensichtlichen Antisemitismus dort fortsetzen konnten. So bleibt sich auch Bild treu.

Nur sollten die Springer-Kritiker nicht den Fehler der 1960er Jahre wiederholen und reflexhaft die Seite einnehmen, die der Bild am meisten widerspricht. So wurden viele bundesdeutsche Linke von Freunden Israels nach dem Sechs-Tage-Krieg zu deren vehementesten Gegnern.

Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Pinneberg und Aktivist der außerparlamentarischen Linken, Wolfgang Seibert, beschreibt in dem kürzlich im Neofelis Verlag erschienenem Band Verheerende Bilanz: Der Antisemitismus der Linken im Gespräch mit dem Herausgeber Johannes Spohr, wie ihn diese linke Revision der Haltung zu Israel damals irritierte und für lange Zeit von der Linken entfremdete.

Erst Jahre später, als er mehr zufällig in Kontakt mit der israelichsolidarischen Linken kam, wurde er wieder politisch aktiv. Wenn nun von Bild und weiter rechts stehenden Medien, die von Arte nicht ausgestrahlte Dokumentation gelobt wird, sollte die Linke nicht den Fehler machen und sie aburteilen. Es sollte vielmehr darum gehen, sowohl die dort vertretenen Positionen kritisch zu dokumentieren.

https://heise.de/-3742656

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