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Grimms Märchen

Zug gefahren. Die Pforten der Hölle passiert. Das kann schon mal vorkommen, wenn man sich in die Fänge der Deutschen Bahn begibt. Freitagabends im ICE nach Egal wohin — dagegen ist die Todesfahrt im Boot über den Styx ein Wellnesstrip.

Da ist es heißer als im Topf eines Kannibalen, miefiger als Luzifers Lokus und voller als Til Schweiger auf der »Bambi«-Gala. Immerhin: Stehplatz. Ich musste nicht im Gepäcknetz liegen. Es war so voll — bei der Ankunft ließ ich mir von den spitzen Schreien eines gestressten Kleinkinds einen Notausstieg in die Fensterscheibe fräsen. Dafür hatten wir nur sechs Stunden Verspätung. Ich bin sicher: Irgendwann wird ein Zug in Hannover losfahren, und wenn er in Hamburg ankommt, hat Deutschland eine neue Währung und Holland ist versunken. Alles nur wegen »Verzögerungen im Betriebsablauf«.

Verzögerungen im Betriebsablauf. Das ist inhaltsfreier Schmusetext. Ein Sprach-Placebo als Kunden-Laudanum. »Herr Schaffner, warum geht’s nicht weiter?« — »Weil’s nicht weitergeht.« — »Ah danke, gute Erklärung. Sehr nett. Spitzenmann!« Angeblich fahren ja 98,6 Prozent aller Züge pünktlich. Außer im Nahverkehr, Fernverkehr und Güterverkehr natürlich.

Mit pünktlichen Zügen ist es wie mit durchschlafenden Kleinkindern: Sie sind ein Mythos, gefördert von fehlerlosen Ausnahmepersonen, um andere Menschen neidisch, verbittert und unglücklich zu machen. Die Menschheit ist zum Mond geflogen, aber wenn drei welke Blätter auf den Schienen liegen, ist sie hilflos. Also jetzt. Im Herbst. Das heißt für mich: Ich bleibe zu Hause, bis einer das Beamen erfindet. Schönen Herbst!

Erschienen in der Zeitschrift “Kompakt” der IGBCE von Imre Grimm.

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