Ratlos?
Geronimo | 26. August 2007Bei dieser schmutzigen Sache werden viele fromme Gründe vorgeschoben. Aber letztlich geht es immer um eines - ums Geld.
In Berlin wird jedes vierte Kind abgetrieben. Die Stadt besitzt die höchste Abtreibungsrate unter den deutschen Bundesländern. Die Quote sinkt zwar - wie überall. Aber sie bleibt auf hohem Niveau.
Im Jahr 2006 wurden auf 1000 Geburten 344 Schwangerschaftsabbrüche gezählt. 1996 waren es noch 393.
Der Durchschnitt in Deutschland lag 2006 bei 174 Tötungen auf tausend Geburten. Den niedrigsten Schnitt hatte Bayern mit 126 Schlachtungen.
Man hat versucht, die hohe Zahl der Berliner Kindertötungen mit der “schlechten wirtschaftlichen Lage” oder mit der ehemaligen DDR zu erklären.
“Doch eine bündige Erklärung für die hohe Zahl von Schwangerschaftsabbrüchen in Berlin gibt es nicht” - erklärt die ‘Frankfurter Allgemeine Zeitung’ am 6. August: Im Grunde sei man “ratlos”.
Im Jahr 2005 wurden in Berlin 13.775 Frauen beraten. 12.930 ließen sich danach einen Tötungsschein ausstellen. 10.637 Mütter brachten ihr Kind anschließend um.
Jede zweite Frau nannte bei der Beratung “wirtschaftliche Gründe” für die Entscheidung zur Vernichtung ihres Kindes.
Für fast jede zweite unter den jungen deutschen Frauen waren Probleme in der Ausbildung oder mit dem Arbeitsplatz ausschlaggebend.
Ausländische Frauen führten diese Sorge nur zu etwa einem Drittel an.
Mehr als die Hälfte aller Haushalte in Berlin sind Einpersonenhaushalte. Das Alleinsein mit einer ungewollten Schwangerschaft bewirkt möglicherweise eine Entscheidung gegen das Kind.
In Berlin gibt es besonders viele Beratungsstellen und Kinderabtreiber.
Beraten wird in 10 staatlichen und 15 Stellen in freier Trägerschaft. Außerdem bieten 190 Ärzte Schwangerschaftsberatung an.
Die Caritas stellt zwar seit 2001 keine Tötungsscheine für die Abtreibung mehr aus, berät aber viele schwangere Mütter.
Die Beraterin Petra Winkler vom Abtreibungsnetzwerk ‘pro familia’ hat die Erfahrung gemacht, dass bei einem Tötungsentscheid “Geld immer eine Rolle spielt”.
Der vielbeschriebene Babyboom im Ostberliner Stadtteil Prenzlauer Berg finde seine Entsprechung in einer hohen Nachfrage nach Hilfestellungen bei den Anträgen auf finanzielle Hilfeleistungen für werdende Mütter.
Die Caritas führt vier Beratungsstellen für Schwangere. Oft müssen für Termine Wartelisten geführt werden.
Viele junge Frauen fühlten sich überfordert und brauchten Hilfe beim Ausrechnen ihrer Ansprüche und dem Zugang zu Familienhilfen, sagen Beraterinnen.
Gabriele Hockertz von der Caritas warnt vor der ‘Frankfurter Allgemeinen’ vor der Ansicht, es könne den einen einzigen Grund für die hohe Berliner Abtreibungsquote geben.
Die wirtschaftliche Not sei zweifellos größer geworden, aber auch die Beziehungslosigkeit. Die Familienstrukturen seien brüchig geworden. Gerade junge Leute fühlten sich von der Mutterrolle überfordert.
Die weitaus meisten Schwangerschaftsabbrüche in Berlin bezahlt der Staat.
2004 waren es 88,2%, 2005 schon 93,3%. Im Jahr 2005 zahlte das Land insgesamt 3,466 Millionen Euro für Schwangerschaftsabbrüche.
Am schwierigen Zugang zu Verhütungsmitteln kann die hohe Zahl von ungewollten Schwangerschaften in Berlin nicht liegen. Sie werden bei Bedürftigkeit gratis abgegeben.
Im übrigen ist in Berlin auch die Zahl der Neuansteckungen mit HIV und Syphilis besonders hoch. Das kann man als Zeichen der Verantwortungslosigkeit in sexuellen Dingen deuten.
Der Zugang zur vorgeburtlichen Kindertötung ist in Berlin nicht leichter als anderswo.
Bei der “medizinischen Indikation” sei es in den vergangenen Jahren spürbar schwieriger geworden, ein ärztliches Gutachten für die Schlachtung eines Kindes nach der zwölften Woche zu bekommen.
Nur zwei Prozent aller Schwangerschaftsabbrüche werden wegen der sogenannten medizinischen Indikation - Tötung von Invaliden - oder kriminologischen Indikation - Tötung von Vergewaltigungskindern - vorgenommen.




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