Bischof Mixa will, dass “die Kirche nervt”

Der katholische Bischof Walter Mixa erneuert seine Kritik an der Familienpolitik der Regierung: Krippenplätze dürfe es nur im Notfall geben. Mit WELT ONLINE spricht er über Religiosität, Ursula von der Leyen und Sterbehilfe in Deutschland.

Bischof Walter Mixa
Bischof Walter Mixa glaubt, dass es eine wichtige Aufgabe der Kirche ist, zu nerven. (Foto: AP)

Walter Mixa, 66 Jahre alt, Flüchtlingskind aus Oberschlesien, seit zwei Jahren Bischof von Augsburg, hat ein besonderes Talent. Mit wenigen Worten erhitzt er die Gemüter. Anfang dieses Jahres geriet er mit Familienministerin Ursula von der Leyen aneinander, weil sie mit ihrer Familienpolitik Frauen zu “Gebärmaschinen” degradiere. Ihr folgte die Grünen-Vorsitzende Claudia Roth, die Mixa mit dem kambodschanischen Diktator Pol Pot verglich, nachdem der Bischof vor der Familienpolitik als “staatlichem Umerziehungsprogramm” gewarnt hatte. Mixa ließ durch seinen Sprecher kontern; der warf Roth “faschistoide” Wortwahl vor und sagte, die Grünen seien für “Christen nicht wählbar”. Kürzlich sorgte Mixa für Furore, weil er sich für den Abschuss von entführten Flugzeugen aussprach.

WELT ONLINE: Sie haben, so wurden Sie zitiert, unter bestimmten Voraussetzungen den Abschuss von Flugzeugen gutgeheißen. Stellen Sie sich damit gegen das Karlsruher Urteil zum Luftsicherheitsgesetz?

Bischof Walter Mixa: Leider bin ich sehr verkürzt zitiert worden. Ich habe bereits im September bei einer Veranstaltung der Militärseelsorge darauf hingewiesen, dass der Abschuss eines von Terroristen entführten Passagierflugzeuges zur Rettung einer größeren Zahl von Menschen moraltheologisch eine äußerst schwierige Frage ist. Bei einem solchen Einsatz muss das Leben unschuldiger Menschen gegen das Leben anderer Unschuldiger abgewogen werden. Auch wenn es hierfür gute Gründe geben mag, stehe ich einer solchen Abwägung sehr zurückhaltend gegenüber.

WELT ONLINE: Was sollte also aus kirchlicher Sicht geschehen?

Bischof Walter Mixa: Um eine angemessene Position zu entwickeln, sollte sich die Deutsche Bischofskonferenz gemeinsam mit Moraltheologen, Juristen, Politikern und Vertretern der Bundeswehr hinter verschlossenen Türen zusammensetzen.

WELT ONLINE: Sie haben wie kein Zweiter das Kapitel Familienpolitik thematisiert, teilweise in drastischen Worten, und wurden scharf angegriffen. Hat sich inzwischen etwas verändert?

Bischof Walter Mixa: In der Tat hat sich etwas verändert. Ich kann das in den Worten der bayerischen Sozialministerin Christa Stewens ausdrücken, die vor dem Diözesanrat genau das Gleiche sagte, was ich seit Monaten sage: dass es glücklicherweise gelungen ist, Ehe und Familie, die ins Abseits gekommen waren, wieder in den Mittelpunkt des Interesses zu stellen. 30 Jahre hatte man nicht darüber gesprochen. Jetzt ist diese Frage wieder ins gesellschaftliche Gespräch gekommen.

WELT ONLINE: Woran merken Sie das?

Bischof Walter Mixa: Ich werde immer wieder darauf angesprochen. Die Leute unterstützen mich in meinen sachlichen Aussagen zur Familienpolitik. Sie bedanken sich dafür, dass ich nicht umgefallen bin, sondern dass ich in aller Klarheit überall zu meinem begründeten Standpunkt gestanden bin.

WELT ONLINE: Am Anfang schien es, als stünden Sie mit Ihrer prononcierten Meinung ziemlich allein. Haben Sie sich auch verlassen gefühlt von Ihren Amtsbrüdern?

Bischof Walter Mixa: Ich hätte mir schon gewünscht, dass wir in der einen oder anderen Situation nach außen hin in größerer Geschlossenheit aufgetreten wären. Wobei ich betonen muss, dass alle Bischöfe in der Sache vollkommene Übereinstimmung haben. Teilweise bestand allerdings die Auffassung, ich hätte mich zu pointiert in die Öffentlichkeit gewagt.

WELT ONLINE: Bedauern Sie heute diese Deutlichkeit?

Bischof Walter Mixa: Nein. Wäre ich nicht so deutlich geworden, wäre das Thema unter den Tisch gefallen. Das hat mit den Mechanismen unserer Mediengesellschaft zu tun.

WELT ONLINE: Kann man die Massivität der Angriffe gegen Sie auch so deuten, dass Kirche wieder ernster genommen wird?

Bischof Walter Mixa: Das ist sicher ein Indiz. Ohne zu übertreiben: Ich bekomme mindestens zu 80 Prozent Zustimmung. Und es ist ja nicht so, dass ich gegen Krippenplätze wäre. Die gibt es von katholischer Seite hier in Augsburg seit 30 Jahren. Zu einer Zeit, zu der diese Plätze noch gar nicht gefördert worden sind. Dass wir für bestimmte Notsituationen Krippenplätze brauchen, ist gar keine Frage. Aber die Politik darf nicht die Ausnahmeregelung zum Normalfall machen.

WELT ONLINE: Die „Zeit“ hat kürzlich getitelt: Die Kirche nervt. Muss sie nerven?

Bischof Walter Mixa: Sie muss nerven. Vor allem wenn es um Fragen des Lebensschutzes, um Ehe und Familie oder um Fragen des Friedens geht. Ich habe zum Beispiel Muslimen gesagt: Es muss uns eine gemeinsame heilige Pflicht sein, für den Frieden und gegen jede Art von Terrorismus aufzutreten. Die Kirche muss, wenn es um die Menschenrechte und um die Würde der Person geht, wenn es um den Wert von Ehe und Familie geht, ihren Standpunkt in einer geziemenden, begründeten Weise vertreten. Wenn sie das unterlässt, verrät sie ihre Botschaft.

WELT ONLINE: Gemeinsamkeiten mit dem Islam? Wo gibt es sie?

Bischof Walter Mixa: Als ich meinen Dienst als Bischof von Augsburg antrat, kamen Sprecher der Muslime zu mir und verwiesen auf eine gemeinsame Grundlage in der Ehrfurcht vor dem einen und wahren Gott. Und darauf, dass wir gemeinsame Grundlagen haben im Zeugnis für den Lebensschutz und in der Wertschätzung der Familie. Sie haben ganz klar gesagt, dass sie jede Art von Terrorismus und Gewalttätigkeit im Namen Allahs und im Namen der Religion ablehnen.

WELT ONLINE: Es gibt viele Gespräche zwischen Christen und Muslimen, aber noch keinen wirksamen theologischen Dialog. Woran liegt das?

Bischof Walter Mixa: Um einen theologischen Dialog müssen wir uns in der Tat stärker bemühen, wobei ich auch feststellen muss, dass ein solcher Dialog sehr schnell an seine Grenzen kommt. Einfach aus dem Grund, dass es im Islam die unterschiedlichsten Glaubensrichtungen gibt, mit einem ganz unterschiedlichen Verständnis der Auslegung des Korans. Es gibt derzeit ja auch keinen islamischen Religionsunterricht. Es gibt einen türkischen, vielleicht einen pakistanischen islamischen Religionsunterricht. Das zeigt die Bandbreite des Islam, der keine gemeinsame, verbindliche Autorität besitzt.

WELT ONLINE: Momentan sieht es danach aus, als beiße sich die Diskussion an der Höhe von Minaretten und der Größe von Moscheen fest.

Bischof Walter Mixa: Das ist eine sterile Diskussion. Wir dürfen jedoch nicht vergessen, in dem zusammenwachsenden Europa sind 80 Prozent der Menschen Christen. Die muslimische Bevölkerung in Deutschland macht gerade mal vier Prozent aus. Dass Muslime das Recht haben, eine Moschee, einen Kultraum zu bauen, steht außer Frage. Aber ihnen ist zu empfehlen, die christliche Mehrheitskultur zu respektieren und nicht mit einem demonstrativen, überdimensionierten Bauwerk in Erscheinung zu treten. Das wäre ja sonst genau so, wie wenn wir als christliche Minderheit in einem muslimisch geprägten Kulturkreis mächtige Kathedralen bauen wollten. Diese Art von demonstrativer Herausforderung lehne ich ab.

WELT ONLINE: Zumal Moscheen so provokative Namen tragen wie „Eroberermoschee“?

Bischof Walter Mixa: Das kommt dazu. Im Miteinander unterschiedlicher Kulturen und Religionen sollte immer der Eindruck eines feindseligen Programms vermieden werden. Außerdem: Ich kann als Bischof doch auch nicht sagen, ich möchte eine neue Kirche nur so und nicht anders haben. Ich muss mich doch auch der Gesetzmäßigkeit und der Architektur in einem Stadtviertel anpassen.

WELT ONLINE: Zum ersten Mal in der Geschichte des Islam hat ein saudi-arabischer Monarch den Papst besucht. Ein Zeichen für einen offeneren Dialog?

Bischof Walter Mixa: Der Vorgang zeigt, dass bei aller Unterschiedlichkeit der religiösen Bekenntnisse doch der Versuch gemacht werden kann, gemeinsam etwas zum Frieden beizutragen.

WELT ONLINE: Gibt es neben einer „Wiederkehr des Religiösen“ auch eine Wiederkehr des aggressiven Atheismus, nachdem man es lange mit einer gewissen Gleichgültigkeit zu tun hatte?

Bischof Walter Mixa: Das ist darauf zurückzuführen, dass Papst Benedikt XVI. – und ich zitiere jetzt einen evangelischen Theologen – einer der letzten universal gebildeten Menschen ist. Wer hat denn mit Jürgen Habermas diskutiert? Joseph Ratzinger. Habermas sagte in aller Offenheit, Religion scheine doch zur menschlichen Verfasstheit zu gehören. Ich bin überzeugt, dass die Gleichgültigkeit jetzt deshalb abnimmt, weil Benedikt XVI. in einer unwahrscheinlich klaren, verständlichen Weise das Programm des christlichen Menschenbildes und auch den Glauben an den dreifaltigen Gott herausstellt, sodass die Kirche auch für junge Leute wieder attraktiv wirkt.

WELT ONLINE: Es wird wieder über eine Verschärfung des „Gotteslästerungsparagrafen“ diskutiert. Halten Sie einen solchen Vorstoß für angebracht?

Bischof Walter Mixa: Die Art und Weise einer bewussten Beschädigung oder eines Lächerlichmachens von religiösen Überzeugungen und Symbolen wirft die Frage nach der Verantwortung für den inneren Frieden auf. Es gibt keine Freiheit ohne Verantwortung. Religiöse Überzeugungen, gleich welcher Art, in den Schmutz zu ziehen fördert nicht die Gesprächskultur.

WELT ONLINE: Ist das Strafrecht das richtige Mittel, dem zu wehren?

Bischof Walter Mixa: In diesem Fall halte ich das schon für angebracht. Denn durch das Strafrecht wird ja deutlich gesagt: bis hierher und nicht weiter! Es gibt immer wieder Leute, die kein Maß und kein Ziel mehr kennen und nur noch sich selber und ihre Ideologie – ohne Rücksicht auf Verluste.

WELT ONLINE: Ganz aktuell: die Diskussion über ein Verbot aktiver Sterbehilfe, wie sie etwa die Organisation Dignitas praktiziert. Halten Sie darüber einen Konsens in Deutschland für denkbar?

Bischof Walter Mixa: Das kann ich nicht mit einem hundertprozentigen Ja beantworten. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass es bei uns auch Gruppierungen gibt, die sagen, warum soll ein Mensch über längere Zeit leiden oder anderen zur Last fallen. Für mich zeigt sich schon in dem Namen Dignitas ein Missbrauch. Dignitas heißt Würde. Würde des Menschen. Sie ist unantastbar, vom Anfang bis zum Ende. Und bei Dignitas wird der Begriff in das Gegenteil verkehrt. Eine totale Verdrehung der Wahrheit!

WELT ONLINE: Gibt es beim Thema Lebensschutz noch eine konkrete ökumenische Gemeinsamkeit?

Bischof Walter Mixa: Soweit ich das überblicken kann, gibt es eine, sagen wir durchgängige Gemeinsamkeit der evangelischen Kirche mit der katholischen nicht mehr. Das zeigt sich jetzt auch bei der Debatte über die Stammzellenforschung ganz deutlich. Für mein Verständnis sollte in diesem Bereich Ökumene ansetzen. Theologische Fragen nach dem Amtsverständnis oder dem gemeinsamen Abendmahl kommen dann an zweiter Stelle. Aber bei Fragen, die das christliche Menschenbild betreffen, sollten alle Christen mit einer Zunge sprechen. Das ist mein dringender Wunsch.

WELT ONLINE: Herr Bischof, Sie sind Oberschlesier. Seit sieben Jahren wird über ein Zentrum gegen Vertreibungen diskutiert. Beide Kirchen haben sich aus dieser Debatte weitgehend herausgehalten. Wäre aber nicht ein aktives Mitwirken an diesem Projekt angebracht?

Bischof Walter Mixa: Dem kann ich mich nur positiv anschließen. Es darf nicht vergessen werden, dass aus den früheren deutschen Ostgebieten und dem Sudetenland widerrechtlich 17 Millionen Menschen vertrieben worden sind; Menschen, die auch unter dem Nationalsozialismus gelitten haben. Im Vergleich zu dieser Vertreibung war die Völkerwanderung des fünften oder sechsten Jahrhunderts von kleinerer Dimension. An die drei Millionen Menschen sind auf der Flucht oder bei der Vertreibung ums Leben gekommen. Und dass sich dann in Westdeutschland die Vertriebenen mit den Einheimischen so arrangieren konnten, das ist ein Wunder des Glaubens.

WELT ONLINE: Aber die Kirchen als Institutionen halten sich von dem Projekt Zentrum gegen Vertreibungen fern.

Bischof Walter Mixa: Für mich unverständlich. Ich würde mir wünschen, dass wir uns durch ein solches Andenken an Menschen, die so beschädigt worden sind, auch ganz sachgerecht einsetzen für den Frieden und für die Menschenrechte.

WELT ONLINE: Würde ein solches Mittun der Kirchen nicht auch die vorhandenen oder vermeintlichen Ängste, vor allem in Polen, abbauen?

Bischof Walter Mixa: Ganz sicher.
Weiterführende links:

Artikel erschienen bei www.welt.de

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