100.000 Kunden warten auf den Telefonanschluss
Stau beim Anbieterwechsel
Der Preiskrieg auf dem Markt für Telefonanschlüsse plus DSL fürs Internet treibt immer mehr Kunden der Deutschen Telekom zur Konkurrenz. Die wirft der Telekom vor, den Anbieterwechsel künstlich zu verzögern. Jetzt greift die Bundesnetzagentur ein. Ihr Chef droht mit saftigen Geldstrafen.
Die deutschen Telefonkunden sind im Wechselfieber: Hunderttausende melden jeden Monat Anschlüsse um, ein Großteil dieser Kunden verlässt die Deutsche Telekom und geht zur Konkurrenz. Die Bundesnetzagentur (BNA) hat allein im November 300.000 Anbieterwechsel verzeichnet. “Das ist weitaus mehr als in den ersten beiden Jahren der Liberalisierung zusammen”, sagte Rudolf Boll, Sprecher von Netzagentur-Chef Matthias Kurth.
Die Kunden müssen dabei mehrere Wochen Wartezeit ab dem erstmöglichen Wechseltermin in Kauf nehmen. “Es kommt zu Verzögerungen bei der Umstellung”, sagte Kurths Sprecher. Die Netzagentur ist zur Kontrolle des Wettbewerbs im Telefonmarkt installiert worden, der vor zehn Jahren geöffnet wurde. Seitdem bieten außer dem einstigen Staatskonzern Telekom weitere Anbieter Telefonanschlüsse an.
“Mit Stand heute befinden sich über 100.000 Kunden in der Warteschleife”, sagte Wolfgang Heer, Sprecher des Verbands der Anbieter von Telekommunikations- und Mehrwertdiensten (VATM). Der Verband vertritt die Konkurrenten der Telekom. Hintergrund: Im November ist ein regelrechter Preiskrieg ausgebrochen. Konkurrenten wie 1&1 Arcor, Hansenet (Alice) und Versatel bieten Bündel an: Sie enthalten Telefonanschluss, Anrufgebühren und Internetzugang mit DSL-Technik zum Festpreis, Flatrate genannt.
Meistens greifen Neukunden und Wechsler auf diese Pakete zurück. Die Flatrates kosten bei den Telekom-Konkurrenten ab etwa 30 Euro monatlich. Die als einzige bundesweit verfügbare Telekom hat ebenfalls die Preise gesenkt. Dort sind ab rund 35 Euro Telefon-Internet-Pakete erhältlich.
Telekom verliert Millionen Festnetzkunden
T-Home, die Festnetzsparte der Telekom, verliert als größter Anbieter die meisten Anschlüsse durch die Wechsel. Laut Geschäftsbericht waren das bis Ende September in diesem Jahr schon 1,8 Millionen Festnetzkunden. Bis Ende 2007 könnten deutlich mehr Kunden als im vergangenen Jahr (minus 2,2 Millionen) abspringen.
Dennoch muss der Bonner Konzern mit seinen Konkurrenten zusammenarbeiten und den Zugang zu den Endkunden auf der “letzten Meile” bis zur Telefondose in den Haushalten ermöglichen. Dafür kassiert die Telekom mit: Die Wettbewerber zahlen für die Bereitstellung des Zugangs zum Kunden und den damit verbundenen Service. Trotz der Kundenverluste fließt deshalb ein Teil des verlorenen Umsatzes über die Entgelte der anderen Firmen wieder zurück. Nach Auskunft aus der Branche bleiben so im Schnitt je Euro Umsatz 25 Cent Wertschöpfung bei den Konkurrenten.
Telekom-Techniker schalten die abtrünnigen Kundenanschlüsse an zentralen Schaltknoten oder direkt im Haus des Endkunden für die Konkurrenz frei. Laut den Verträgen zwischen den Firmen soll das eigentlich binnen sieben Werktagen geschehen. Doch das ist die Ausnahme: “Die Mitbewerber beklagen, dass die Telekom die Schaltung der Teilnehmer nicht zeitgerecht umsetzt”, sagt Kurths Sprecher. <> Bei den Unternehmen heißt es, Techniker der Telekom würden zum vereinbarten Termin nicht erscheinen, der ursprüngliche Schalttermin werde nicht eingehalten, und die Kunden müssten sich den ganzen Tag lang zu Hause bereit halten, bis der Techniker auftaucht - anders als bei der Telekom, wo bis auf zwei Stunden genaue Termine versprochen werden.
Verbraucherschützer: Telekom-Konkurrenz ist auch nicht besser
Deswegen greift die Bundesnetzagentur jetzt durch. Zunächst werden die Behauptungen der Konkurrenz überprüft. BNA-Präsident Kurth droht mit der Einführung saftiger Vertragsstrafen. Sie sollen gelten, wenn die Telekom nachweislich ihrer vertraglichen Pflicht zum zeitnahen technischen Anbieterwechsel nicht nachkommt. Auch die Konkurrenz muss dann zahlen, wenn sie den versprochenen Anschluss nicht in angemessener Zeit herstellt. Denn auch die Wettbewerber der Telekom machen sich untereinander Kunden streitig: Solche Verzögerungen “passieren über die ganze Branche”, sagt eine Sprecherin der Verbraucherzentrale in Berlin.
Die Höhe der geplanten Vertragsstrafen steht noch nicht fest. Sie müsste nach Informationen von WELT ONLINE über 100 Euro je Kunde liegen, damit sie wirkt: Denn solche Beträge investieren Telefonkonzerne häufig in wechselwillige Kunden, der zum Beispiel zusätzliche Geschenke in Form eines WLAN-DSL-Routers zum drahtlosen Anschluss ans Internet gleich mit erhält. Würde die Netzagentur also die derzeitig strittigen Fälle mit Strafen belegen, kämen allein schon zehn Millionen Euro Strafgeld zusammen.
Die Verzögerungen zeigen sich laut Hansenet vor allem regional. “Kunden aller alternativen Anbieter müssen in einzelnen Regionen, wie zum Beispiel Berlin mit mehreren Wochen rechnen”, sagt Carsten Gillies, der Sprecher des Hamburger Unternehmens. Der Regelfall seien dort mittlerweile Wartezeiten bis zu sechs Wochen. Andernorts dauert ein Anbieterwechsel zwischen zwei und drei Wochen.
Nach Ansicht der Wettbewerber schadet die Langatmigkeit beim Wechsel letztlich dem Image aller Telefonanbieter. Deswegen verlangen sie jetzt nach der BNA als übergeordneter Instanz. Doch der Druck der Kontrolleure war bislang schwach: “In der Vergangenheit gab es keine höheren Strafen, da hat das niemandem wehgetan”, sagt ein Beteiligter.
Jeder fünfte Festnetzkunde hat die Telekom verlassen
Bei den Verbraucherschützern laufen Klagen der Telefonkunden über die Verzögerungen auf. “Teilweise geht es um viele Wochen”, bestätigt die Sprecherin der regionalen Berliner Zentrale. Sie spricht von “Einzelfällen”, die gemeldet würden. Schwer zu entscheiden sei, ob es sich wirklich um technisch bedingte Verzögerungen oder um mutwillige Verzögerungen handelt. “Und die Anbieter schieben sich gegenseitig die Schuld zu.” Bei der Telekom heiße es, die Konkurrenz reiche Anschlussaufträge von wechselwilligen Kunden zu spät weiter. Umgekehrt kritisierten die Wettbewerber, der einstige staatliche Monopolist arbeite zu langsam. Bei der Telekom hat sich auf Anfrage niemand geäußert.
Der Markt hat sich nach zehn Jahren Liberalisierung deutlich verschoben. Die Telekom-Konkurrenten verfügen zusammen über einen Marktanteil von 19 Prozent bei insgesamt 38 Millionen Anschlüssen: Fast jeder fünfte Kunde ist demnach bei der Telekom abgesprungen.
Artikel erschienen bei “Welt-Online“




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