“Armut ist Gewalt”: Von Vatikan-Botschafter Horstmann
Geronimo | 30. Mai 2008Einmal im Monat bitten wir den Botschafter Deutschlands beim Vatikan, Dr. Hans-Henning Horstmann, um einen Kommentar zum Weltgeschehen - mit Blick auf den Vatikan. Lesen oder hören Sie hier die aktuelle Kolumne des deutschen Diplomaten.
“Sehr verehrte Hörerinnen, sehr verehrte Hörer,
in diesen Tagen sehen wir die Bilder der Verwüstungen in Myanmar und in China, die kriegerischen Auseinandersetzungen in Afghanistan, Somalia und weltweite Armut und Hunger. Die Flüchtlinge aus Afrika, die in Italien und Spanien Zuflucht suchen, aber auch die sich öffnende Schere zwischen sehr Reichen und zunehmender Armut in den Industrienationen des Nordens zeigen: die uns anvertraute Erde und die Schöpfung ist nicht in der Balance.
Wir alle sind aufgefordert, die modernen Technologien, unsere Intelligenz und unsere Hilfsbereitschaft effizient einzusetzen und Katastrophen, Krisen und kriegerischen Konflikten entgegenzuwirken.
Papst Benedikt XVI. hat in seiner Friedensbotschaft vom 1. Januar 2007 eindringlich gezeigt, dass es an uns selbst liegt, den gegenwärtigen inhumanen Entwicklungen entgegenzuwirken. Ich zitiere: “Wenn der Mensch sich der vom Schöpfer anvertrauten Aufgabe entsprechend verhält, kann er gemeinsam mit seinen Mitmenschen eine Welt des Friedens erstehen lassen. Neben der Ökologie der Natur gibt es also auch eine Humanökologie, die ihrerseits eine Sozialökologie erfordert” und, ich zitiere: “die Erfahrung zeigt, dass jede Rücksichtslosigkeit gegenüber der Umwelt dem menschlichen Zusammenleben Schaden zufügt und umgekehrt”.
Der Heilige Stuhl und Deutschland handeln im Bewusstsein, dass es unveräußerliche Menschenrechte gibt, die das Gesetz unseres Handelns sein müssen: die Würde des Menschen, jedes Menschen, ist das gemeinsame Grundgesetz, so wie es die Staatengemeinschaft vor 60 Jahren festgeschrieben hat. Benedikt XVI. hat am 1. Januar 2007 festgestellt: “Das Schicksal der gesamten Menschheitsfamilie steht auf dem Spiel!”. Mit Recht unterstreicht der Papst die ethische Dimension der Herausforderungen, Papst und Bundesregierung sind einmal mehr der gleichen Meinung. Unser weltweiter Einsatz für Klimaschutz, gegen Verwüstung und kriegerische Auseinandersetzungen ist eine Frage, in der Politik, Ökonomie, Ökologie und Ethik nicht zu trennen sind.
Gemeinsam mit anderen Nationen stellt sich die Bundesregierung dieser Aufforderung zu Dialog und konkreter Zusammenarbeit, vor allem aber auch zu Prävention, Krisenmanagement und humanitäre Hilfe in und nach Katastrophen und Kriegen .
Zur Prävention: Die Wissenschaft hat Satellitensysteme und terrestrische Messinstrumente entwickelt, die es erlauben, zeitig auf die Gefahren und Möglichkeiten von Wirbelstürmen und Erdbeben hinzuweisen. Sicherlich: die Wissenschaft zur Erforschung von Naturkatastrophen und ihrer möglichen Prävention muss vorangetrieben werden. Entscheidend ist für mich aber, dass rechtzeitig auf Warnungen reagiert wird. Und dies ist weniger eine technologische als eine politische Herausforderung. Die internationale Staatengemeinschaft, die Kirche, die geistlichen Bewegungen haben großartige Friedenspersönlichkeiten. Kurzfristiges, machtpolitisches Kalkül steht ihren guten Wirkungsmöglichkeiten im Wege.
Unsere Politik stellt sich diesen Aufgaben: der jüngste EU-Lateinamerika-Gipfel ist nur ein Beispiel, wir kennen auch die EU-Afrika-Zusammenarbeit, die Zusammenarbeit der Europäischen Union mit Asien und Ozeanien. Nationale Interessen wird es aufgrund von Geschichte und Geographie stets geben, dennoch: wenn die EU, die G 8, die Vereinten Nationen, Weltbank, die Welthandelsorganisation und die kirchlichen Hilfswerke Caritas International, Johanniter und Malteser, das Internationale Komitee vom Roten Kreuz, in enger Abstimmung handeln, müssen wir in der Lage sein, bei unterschiedlichen Auffassungen gemeinsam Prävention, Krisenmanagement und die “Hilfe danach” effizienter zu organisieren, als wir es jetzt tun.
Gandhi hat gesagt: “Die Armut ist die schlimmste Gewalt, die man den Armen antut”. Der Welternährungsgipfel am 3. und 4. Juni in Rom rückt die Dimension dieser Herausforderungen ins Licht der internationalen Öffentlichkeit. Sie sollte die Staatengemeinschaft zu weiteren konkreten Taten ermutigen.”
(rv 29.05.2008 sk)




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