Die letzten Tage im Kanzlerbunker (II).

Was bisher geschah: Nach der Verabschiedung von Hartz VIII sind zu Jahresanfang 2007 in der Bundesrepublik schwere

Unruhen ausgebrochen. Die Bundestagswahlen vom 20. Dezember 2006 müssen auf Beschluß des Bundesverfassungsgerichts wegen grober Unregelmäßigkeiten bei der Auszählung wiederholt werden. Die Parteien der Hartzgegner rufen zum Boykott dieser Wiederholung auf und haben in weiten Teilen der Republik, vor allem in den neuen Bundesländern und in einigen Bezirken Berlins, die Macht übernommen.

Der Countdown lief ­ noch 72 Stunden bis zur Öffnung der Wahllokale. Schröder schlief unruhig in den anbrechenden Donnerstag hinein. Hatte er alles richtig gemacht in seinem Leben? Die grellbunten Quallen, die hinter seinen geschlossenen Lidern flimmerten, verformten sich zu Figuren, Szenen. Da war Hillu. War das richtig gewesen, sie einfach so… Andererseits, sie hatte ihn gequält, mit ihrem ewigen Schnitzel- und Wurst-Boykott, und dann dieser Greenpeace-Quatsch, und am Abend immer mit dem Hund rausgehen. Nein, das musste ein Ende haben, und wenn sich die BILD-Reporter noch so sehr das Maul zerrissen …. Schröder fuhr zusammen, als er eine eiskalte Hand an seiner Schulter spürte.

“Hilf mir, Gerd! Ullas Todesengel wollen mich holen”, bettelte ihn sein Vater an. Dünn sah er aus, in der viel zu großen Wehrmachtsuniform. Aber Ullas Todesengel ­ das konnte nicht stimmen. Die pummelige Gesundheitsministerin hatte sein alter Herr nicht mehr erleben müssen ­ und ebenso wenig ihre gut geschulten Mitarbeiter, die landauf landab den Rentner ihre Zustimmung zu “freiwilligen lebensbeendenden Maßnahmen” abringen wollten. Die ersten zehntausend waren schon zum Weihnachtsfest eingeschläfert worden ­ Hans Eichel hatte die Entlastung für die Rentenkasse auf Punkt und Komma vorgerechnet. Würde Hartz-VIII bis zum 1. Juni 500 000 Personen erreichen, könnte die Bundesrepublik vielleicht 2007 sogar die Maastricht-Kriterien schaffen und erstmals seit 2001 wieder unter der Verschuldungsgrenze von drei Prozent bleiben. “Gerd hilf mir”, röchelte es wiederhinter Schröder, schmutzige Fingernägel gruben sich in seinen Nacken. Der Kanzler schreckte hoch, schüttelte sich, atmete tief. Was für einen Quatsch man doch zusammenträumt… Sein Vater hätte ihn unterstützt, das wusste er. Gelobt sei was hart macht, hatte es doch auch damals geheißen.

Zwölf Stunden später hatte sich das Krisenkabinett in der Kanzleretage versammelt. Auf der großen Videoleinwand flimmerte das Tagesschausymbol mit dem Kürzel ARD, allerdings mit einem kleinen roten Stern rechts neben dem D. Das Hauptstadtstudio war in der vergangenen Nacht besetzt worden. Die Berliner Sendeanlagen erreichten zwar nur die Hauptstadt und das größere Umland, im Rest des Bundesgebiet wurde weiter das übliche Programm empfangen. Aber damit tröstete sich im Augenblick keiner aus der Runde. Als der Sekundenzeiger auf der eingeblendeten Uhr die volle Stunde anzeigte, ertönten die ersten Takte einer wohlbekannten Melodie. Struck schlug sich mit der flachen Hand auf die Platte, als er die Becher-Hymne erkannte, Fischer lachte hysterisch. “Diese undankbaren Schweine!”, fauchte Müntefering.

Der zweite Schock folgte umgehend. Vor dem Hintergrund der wie immer eingeblendeten Reichstagskuppel richtete nicht der wohlbekannte Thomas Roth seinen Blick auf die Zuschauer, sondern ­ Sigmund Jähn. “Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, als Kosmonaut sah ich die Erde mit anderen Augen. Der blaue Planet, ein Juwel im kalten Universum, ein Zufall der Schöpfung, und gerade deshalb so unwiederbringlich. Vielleicht sind wir die einzigen im Weltall, vielleicht sehen aber gerade in diesem Augenblick intelligentere Wesen auf uns herab und denken: “Was treiben die da unten bloß? Wollen sie sich selbst auslöschen? Der Irak, der Iran…”. Jähns Stimme stockte, seine sanften braunen Augen wurden weich. Schröder stieß Fischer in die Rippen, grunzte. Dann gab sich der Mann auf dem Bildschirm einen Ruck. “Deshalb habe ich mich der Bewegung zur Verfügung gestellt, die wenigstens auf unseren kleinen Flecken Land versuchen will, das Leben erträglich zu gestalten. Die Nationale Volksarmee, für die ich hier spreche, versteht sich als bewaffnetes Organ eines neuen Deutschland. Die bei den Bundestagswahlen am 20. Dezember in Sachsen, Mecklenburg, Brandenburg, Sachsen und Sachsen-Anhalt, den Ostbezirken von Berlin sowie in Nordwürttemberg/Nordbaden und in Bochum und Hamburg-Altona gewählt worden sind, haben sich in der vergangenen Nacht im Landtag zu Dresden zusammengefunden und bekräftigt, dass das von der Bundesregierung bekanntgegebene Ergebnis dieser Wahlen nicht der Wahrheit entspricht. Wir werden mit den tatsächlich gewählten Volksvertretern deswegen ein Notparlament bilden, das eine neue Regierung bestimmen wird. Wir rufen das Volk im ganzen Land zu einem Sternmarsch am kommenden Samstag nach Berlin auf. Die von der abgewählten Regierung unter Kanzler Schröder anberaumte Wiederholung der Wahlfarce am Sonntag wird zumindest in den Bezirken, in denen die provisorischen Organe der NVA die Macht ausüben, nicht stattfinden. Es geht um ein neues Deutschland, eine echte” ­ Jähn lächelte verschmitzt ­ “deutsche demokratische Republik”.

Struck knipste mit der Fernbedienung den Sender aus, für einen Augenblick herrschte Schweigen. Da explodierte Schröder, hieb mit der Faust auf den Couchtisch, ein Designerstück von Phillipe Starck. “Welcher Schwachkopf von Euch ist eigentlich dafür verantwortlich, dass die Wahlergebnisse gefälscht wurden? Warst Du das, Münte?” Der Parteivorsitzende blickte starr geradeaus, als wolle er sein Pilsglas hypnotisieren. “Wir und die Union zusammen hatten doch nur 23 Prozent bekommen, was hätte ich denn …”, setzte er matt an. “Blödsinn!”, bellte der Kanzler. “Wenn wir der PDS und der neuen Linkspartei eine Regierungsbeteiligung angeboten hätten, hätte es zur Mehrheit gereicht. Die hätten doch nie und nimmer abgelehnt, ich kenne die Burschen doch. Die PDS hat doch mit uns in Berlin auch alles durchgezogen, und mit Otmar Schreiner und seinen Gewerkschaftsnasen bin ich schon bei den Jusos Schlitten gefahren. Gib diesen Leuten einen Posten, einen Dienstwagen und eine gutaussehende Sekretärin, dann fressen sie dir aus der Hand. Solange wir sie einbinden, sind sie gefesselt. Zu diesem Chaos” ­ Schröder deutete fahrig in Richtung der Videoleinwand ­ “konnte es doch nur kommen, weil du die Nerven verloren hast.”

Müntefering fuhr in die Innentasche seines Jackets, zog etwas Blinkendes heraus, legte es dann schweigend auf den Tisch. Die Taschenuhr von August Bebel, das Insignium des Vorsitzenden der Sozialdemokratischen Partei seit über hundert Jahren. “Wenn wir schreiten Seit’ an Seit’ …”, begann er mit dünner Stimme zu singen.

Donnerstagabend, 23.30 Uhr. “Wie war ich, Doris?”, Schröder rubbelte weiter die Zahnbürste hin und her und sah seine Frau fragend im Badezimmerspiegel an. “Gut, mein Schatz, wie immer”, antwortete die Angesprochene und präsentierte dem Kanzler ihr strahlendes Gebiss. Ihre Augen dementierten ihre Fröhlichkeit allerdings, stumpf blickten die Pupillen in das blauweisse Licht. Schröder spuckte den Schaum aus, eine graue blasige Brühe mit rotem Schleim versetzt. Das Zahnfleischbluten und die Herpes, die ihm immer in Stressituationen zusetzten, waren schlimmer geworden, seit er kein frisches Obst und Gemüse mehr verzehren durfte. Der BND hatte Einspruch erhoben, Vergiftungsgefahr ­ man konnte weder für die märkischen Bauern noch für die Transportmannschaften der Bundeswehr noch die Hand ins Feuer legen.

Schröder schlurfte ins Schlafzimmer, die Füsse schienen ihm bleischwer, er warf sich aufs Bett, schloß die Augen. Morgen. Morgen. Morgen. Morgen mußte er mit Schneiderhan sprechen, dem Generalinspekteur der Bundeswehr. Mit Leuten wie Müntefering konnte er nichts mehr anfangen. Doris schlüpfte wortlos unter seine Decke, hielt ihn fest. Sie zitterte.

FORTSETZUNG FOLGT

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