Die letzten Tage im Kanzlerbunker (IV).

Was bisher geschah: Nach der Verabschiedung von Hartz VIII sind zu Jahresanfang 2007 in der Bundesrepublik schwere Unruhen ausgebrochen. Oppositionsführerin Merkel und Bundeswehr-Generalinspekteur Schneiderhan sind auf dem Weg durch das umkämpfte Berlin zum Kanzleramt, um mit Schröder das weitere Vorgehen zu beraten.

Zur selben betrachtet der Bundesaußenminister die deutschen Goldreserven und fühlt sich wie Siegfried vor dem Schatz der Loreley. Dreieinhalb Tonnen lagern da, säuberlich in Barren gestapelt, hinter einem dünnen Stahlgitter, an dem der Bundesadler prangt. “Eichels Pleitegeier”, denkt Fischer, “ist meine Lebensversicherung.” Kurzentschlossen hatte sich der Außenminister an diesem Freitagmorgen mit einem Hubschrauber der Bundesluftwaffe nach Spangdahlem fliegen lassen, von dort war es mit einer C-130 Hercules der US Air Force weiter nach New York gegangen. Jetzt stand er in diesem Felsenkeller auf der Halbinsel Manhattan, 24 Meter unter den Straßen der Millionenstadt. Dort verwahrt die Federal Reserve Bank den größten Teil des Goldschatzes der Bundesbank und sechzig weiterer Zentralbanken sowie der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in einem gigantischen Tresor: der Mantel des Stahlzylinders ist drei Meter dick und wiegt 82 Tonnen. Während des Zweiten Weltkrieges waren fast neunzig Prozent der Weltvorräte des gelben Edelmetalls in die USA gewandert, im Ausgleich gegen Rüstungslieferungen. Seit den fünfziger Jahren erwirtschaftete die Bundesrepublik einen Überschuß im Außenhandel mit den USA, und im Gegenzug war ein Teil des Goldschatzes wieder in deutschen Besitz übergegangen. Doch anstatt die Barren über den Atlantik zurückzutransportieren, war das deutsche Gold an Ort und Stelle geblieben, wenn auch in einem separaten Käfig, der formell deutsches Hoheitsgebiet war.

Fischer wandte sich um und fixierte Alan Greenspan, den legendären Chef der Fed. “Ist das auch sicher hier?” Greenspan lächelte, die ledrige Haut über seinem fast kahlen Schädel bekam kleine Fältchen. “Keine Sorge, das ist für die Ewigkeit gebaut. Selbst wenn Osama da oben eine Atombombe zündet, würden hier unten nicht einmal die Kaffeetassen zittern.”

“Und wie steht Ihre Behörde zu meinem Vorschlag?”

“Nun, die Stabilität des Währungssystems ist unsere Hauptaufgabe. Und wenn eine von Ihnen geführte Regierung sich entschließen würde, in Deutschland zum gold-gedeckten Geld zurückzukehren und sich der Dollarzone anzuschließen, würde das ganz unserem Auftrag entsprechen. Sie müssen allerdings bedenken, daß unsere eigene Wende zum goldgedeckten Dollar unter Vorbehalt steht. Es darf nicht dasselbe passieren, wie Ende der sechziger Jahre, als wir durch immer höhere Ausgaben für den Vietnamkrieg die Kredibilität des Goldumtausches untergruben und in das reine Papiergeld flüchten mußten. Das darf nicht wieder vorkommen, deshalb…”

Fischer fiel ihm ins Wort. “Ich weiß, ich weiß. Im Iran darf nicht dasselbe passieren. Das Schlamassel muß schnell beendet werden, und deswegen muß unsere Bundeswehr euren Jungs dort unter die Arme greifen.”

“Sie enttäuschen mich nicht, Herr Außenminister. Ihre Auffassungsgabe ist legendär. Kurz und gut: An dem Tag, wenn Sie den Marschbefehl zum Golf geben, landen die ersten Galaxy-Transporter mit Goldbarren auf der Rhein-Main-Airbase, und Deutschland kann mit einer neuen Währung einen neuen Start machen.”

“Ok, fuck Euro! Es lebe der deutsche Dollar!” Fischer lachte, schüttelte Greenspans knochige Hand. Wenn das Schröder wüßte … Aber der war zu schwach, zu unentschlossen, und sein ewiges Techtelmechtel mit Putin völlig perspektivlos. Die USA waren die Supermacht, nein: die Hypermacht, und hier spielte die Musik, hier entschied sich die Zukunft Deutschlands. Die Zukunft Deutschlands … heißt Joschka Fischer.

Greenspan drückte auf einen versteckten Knopf in der Wand. Drei Beamte der Sicherungsgruppe erschienen, die unabhängig voneinander eine Zahlenkombination in den drei schweren Stahlschlössern der Panzertüren eingeben mußten, die das Allerheiligste abschirmten. Es dauerte fast vierzig Minuten, bis Fischer wieder die Luft von Manhattan atmen konnte. The city that never sleeps … If you can make it here you can make it everywhere … Der Außenminister war vergnügt.

In seiner Suite im Walldorf Astoria plante Fischer drei Stunden später seinen Auftritt vor dem Sicherheitsrat am nächsten Tag. Er hatte seine alten Buddies aus Frankfurter Kampfzeiten um sich versammelt, denen er Jobs in der Außenpolitik besorgt hatte und denen er deswegen vertrauen konnte. Dany Cohn-Bendit lümmelte auf dem Sofa, Hubsie Kleinert hockte auf dem flauschigen Teppich und entkorkte einen Bocksbeutel, in der Badewanne hörte man Achim Schmillen blubbern. Nur Joscha Schmierer, der alte KBW-Bürokrat, saß stocksteif auf einem Louis XVI. Sessel und arrangierte seine schwarz-rot-goldene Krawatte. Er hatte gerade einen längeren Vortrag gehalten, der wie immer unverständlich war, irgendwas über Hauptwidersprüche und Nebenwidersprüche, den typisch maoistischen Kauderwelsch eben, in dem ab und zu Wortungetüme wie “Minderheitenschutz”, “Zivilgesellschaft” und “Gendermainstreaming” auftauchten wie Nilpferde im Neckar.

“Jetzt halt doch mal die Klappe, Joscha. Die Kiste ist doch viel einfacher”, explodierte der rote Dany. “Joschka verkündet morgen im Sicherheitsrat, daß in Deutschland die Demokratie in Gefahr ist. Rot-braune Horden bedrohen die rechtsmäßige Ordnung, das bedeutet Faschismus oder Kommunismus. Und wenn Deutschland in Gefahr ist, dann ist der Weltfrieden in Gefahr, und dann braucht es eine humanitäre Intervention noch Kapitel 7 der UN-Charta. Schwuppdiwupp treten die GIs in Aktion, die noch in Deutschland stationiert sind, und dann werden wir mit dem Gesockse fertig.”

Hubsie rülpste zustimmend, Joscha hatte seinen KBW-Silberblick. In der Badewanne hörte man “Kreuzberger Nächte sind lang” – Schmillen träumte schon vom Auswärtigen Amt, das ihm Fischer versprochen hatte.

Plötzlich ertönten die ersten Takte von Beethovens Fünfte ­ Joschkas Handy. Der Außenminister riß das winzige Telefon auf, schaute auf das Display. Es war Condee. Seine Augen verschleierten sich, er wandte sich von seiner Boygroup ab, ging in die Küche. Yes, Yes, of course, my pleasure, oh nice, I’m ready.

Fünfzig Minuten später lehnte der deutsche Außenminister an der Bar des Waldorf Astoria und erwartete seine, wie sagt man so schön, amerikanische Amtskollegin. Und wie gut sie aussah, als sie da in einem roten Kostüm mit verdammt kurzem Rock auf ihn zukam. Ganz oben zwischen ihren Schenkeln zerrieb sie die Schritte, Joschka bekam einen trockenen Hals. Nach alter Diplomatenschule verbeugte er sich vor ihr, küßte ihre Hand, fasziniert von ihren schlanken Fingern mit den langen manikürten Nägeln, hielt sie einen Moment länger, als es schicklich war. “Mrs. Rice, it’s a pleasure …”

Als er sich aufrichtete, umfing in eine Wolke von Opium. Der schwere Duft machte den ehrgeizigen Metzgerssohn befangen. Jedenfalls war er perplex, wie jung die Politikerin aussah. Ging sie nicht schon auf die fünfzig zu? Der schwarze Schleier, mit dem sie ihr Gesicht halb verbarg, machte ihn unsicher ­ und ziemlich erregt. Für ihn, für ihn allein hatte sie sich offensichtlich so aufgebrezelt, vielleicht sich sogar einem Face Lifting unterzogen, das war unglaublich. Er war wirklich on the top of the world an diesem Abend. Die zwei bestellten Sex on the Beach, Pinacolada, Caipirinha, die ganze Palette. Um Politik ging es selten, Condee erzählte von den Männern in Amerika, daß sie sich nach etwas Neuem sehnte. Joschka steuerte Szenen seiner Ehen bei.

Ob er noch mit einen Sundowner in ihrer Suite nehme? Joschka schwindelte. Er hatte Madelaine Albright geküßt, das war sein Opfer für den Eintritt in den Kosovo-Krieg gewesen, der Lippenstift der alten Schabracke hatte widerlich geschmeckt. Aber die Lippen von Condee verhießen einen Neuanfang, einen Neuaufschwung, für ihn selbst und für das atlantische Bündnis. Ein Sundowner? Nein, ein Sunrising war das. Joschka folgte ihr mit zitternden Knien. Das war das letzte, an das sich der deutsche Außenminister erinnerte. Am nächsten Morgen wachte er gefesselt und in Unterhosen auf. Irgend etwas war schiefgegangen.

In Berlin erhielt Wladimir Kaminer am Samstag um 8.15 Uhr MEZ über Satellitentelefon eine Nachricht aus Moskau. “Wir haben den Metzger. Weiteres Vorgehen nach Plan.” Kaminer schmunzelte zufrieden. Eine Sorge weniger. Noch knapp 24 Stunden bis zur Bundestagswahl.

FORTSETZUNG FOLGT

Aufrufe: 3

Speichere in deinen Favoriten diesen permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

+ 30 = 37