Die letzten Tage im Kanzlerbunker (III).

Was bisher geschah: Nach der Verabschiedung von Hartz VIII sind zu Jahresanfang 2007 in der Bundesrepublik schwere Unruhen ausgebrochen. Zwei Tage vor der Wiederholung der Bundestagswahlen, die vom Bundesverfassungsgericht wegen grober Unregelmäßigkeiten angesetzt worden ist, ist Deutschland wieder ein geteiltes Land. Die Hartzgegner haben die Macht vor allem in den neuen Bundesländern übernommen und eine provisorische Gegenregierung ausgerufen. Den erneuten Urnengang halten sie für betrügerisch und wollen ihn verhindern.


Freitag früh, 6.45 Uhr. Noch genau 49 Stunden und 15 Minuten bis zur Öffnung der Wahllokale. Scheißwetter. Über den Flughafen Tempelhof zog gerade ein mittleres Biskayatief und schüttete mehrere Kubikkilometer Atlantischen Ozean herunter. Ab und zu kreuzte ein Transall-Rosinenbomber in niedriger Höhe die Landebahnen und warf eine Ladung Lebensmittel ab. Kreuz und quer auf dem Rollfeld standen Jeeps, Unimogs und LKWs und kurvten scheinbar sinnlos von A nach B. Schneiderhan spürte, wie ihm die Regentropfen unterm Uniformkragen hindurchschlüpften und sein Hemd, sein Unterhemd, seine Haut erreichten. Er war Generalinspekteur der Bundeswehr, verdammt! Warum ließ die Merkel ihn hier im Regen warten? Ärgerlich winkte er die Ordonanz heran, ließ sich einen Feldstecher geben, suchte das weite Tempelhofer Rund ab. Mächtig beeindruckend, was der Speer damals hingeklotzt hatte. Das hielt was aus, das war für die Ewigkeit gebaut. Endlich näherten sich aus Westen drei kleine Punkte, wurden schnell größer, dröhnten über dem Rollfeld. Apache-Hubschrauber der Amerikaner ­ typisch, daß die Merkel sich der Bundesluftwaffe nicht mehr anvertrauen mochte. Schneiderhan hatte die Frau noch nie leiden können.


Eine halbe Stunde später saß sie fast auf seinem Schoß. Der Dingo war einer der schicksten Panzer, den die Bundeswehr hatte, und beschleunigte mit seinem Vierradantrieb fast so schnell wie ein PKW. Aber trotz geräumiger Innenausstattung hatte er nur acht Sitze, und davon benötigte die CDU-Vorsitzende samt Handtasche allein drei. Schneiderhan versuchte sie anzulächeln, aber es kam nur ein schiefes Grinsen dabei heraus. Ihr violetter Liedschatten hatte unter der Witterung etwas gelitten, der rubinrote Lippenstift klebte an den Schneidezähnen, aber die Laune der Schwerinerin war ungebrochen. Entschlossen legte sie dem General ihre weiße fleischige Hand auf den Oberschenkel und tätschelte etwas. "Nun erzählen Sie doch schon, Schneiderhan, was will der Schröder von ihnen? Und wie ist die Lage in Berlin? Können Sie die Wahlen am Sonntag garantieren?"


Schneiderhan gab der kleinen Kolonne den Befehl zum Starten. Wendig kurvten die drei Dingos auf den Tempelhofer Damm und fuhren Richtung Neukölln. Wenigstens konnte in diesen Fahrzeugen nichts passieren ­ der Minen- und Splitterschutz war für Kampfeinsätze wie in Afghanistan ausgelegt, die Molotowcocktails der Autonomen und die MPs der Berliner Polizei konnten dem Dingo nichts anhaben. Gerade als er diesen doch eigentlich beruhigenden Gedanken zu Ende gebracht hatte, wurde es Schneiderhan etwas blümerant. Ja, das war das Problem: Die Polizei stand auf der Gegenseite, hatte sich mit den Chaoten verbündet. "Scheiß Bullen!", entfuhr es ihm. Merkel blickte ihn erschrocken an, hielt sich das Patschhändchen vor den Mund. "Scheiß Bullen!", wiederholte er. "Und Scheiß-Senat. Dumm wie Brot. Haben gedacht, die Bullerei ist immer auf ihrer Seite, weil sie mit den Linken nichts am Hut haben. Haben sie auch nicht. Aber Sicherheit gibt's eben nicht zum Nulltarif. Und wenn die Gehälter immer mehr gekürzt werden und ein Streifenhörnchen seine Familie mit 800 Euro ernähren soll, dann ist eben irgendwann Schluß mit Loyalität. Ein Alarmzeichen war schon gewesen, daß die Gewerkschaft der Polizei im Frühjahr 2004 ein Volksbegehren zum Sturz des Senats unterstützte. Damals haben wir noch gedacht, das richte sich nur gegen die PDS-Senatoren. Aber Pustekuchen."


Ein weiterer Vorteil des Dingo war das Panoramafenster ­ nicht nur so ein kleines Guckloch wie bei den Kampfpanzern. Am Hermannplatz bot sich der CDU-Vorsitzenden ein Anblick, der mehr sagte als tausend Erklärungen des Generals: Karstadt war rundherum rot geflaggt. Zwar nicht mit den Fahnen der Kommunisten und der PDS, sondern mit denen von IG Metall und Verdi, aber allein die Farbe reichte schon, um die Politikerin aschfahl werden zu lassen. Der Kottbusser Damm war auf der ganzen Breite von Schützenpanzern der Berliner Polizei blockiert, an eine Weiterfahrt nach Kreuzberg nicht zu denken. "Sollen wir draufhalten?" fragte der Uffz, der den am Dach montierten Raketenwerfer bediente, und lächelte treuherzig. "Sind Sie verrückt?" brüllte Schneiderhan entgeistert. "Wollen Sie ein Blutbad?" Die CDU-Vorsitzende stierte nach SO-36 hinüber, als ob sie in der Ferne Horst Seehofer erkannt hätte. Der Sozialrebell war nach seinem Ausschluß aus der CSU zusammen mit Norbert Blüm in die Familienpartei eingetreten und hatte nach den getürkten Bundestagswahlen versprochen, das Angebot der Linksparteien auf den Eintritt in eine Anti-Hartz-Koalition "wohlwollend zu prüfen". Kein Mensch wußte, wo er sich zur Zeit aufhielt, ein BND-Informant wollte ihn aber zu Wochenanfang im Szene-Lokal Kafka in der Oranienstraße gesehen haben.


Die Panzerwagen gaben Gas und bretterten am Urbankrankenhaus vorbei und dann weiter am linken Ufer des Landwehrkanals entlang. Alle Brücken bis auf die Höhe Potsdamer Platz waren gesprengt, die andere Seite war Feindesland. Hinter Barrikaden aus aufgeschichteten PKW-Wracks zogen Rauchschwaden über das Wasser, es roch aromatisch nach Kebab und Grillfleisch. Offensichtlich wurden die Aufständischen von den Kreuzberger Türken ganz ordentlich versorgt. Schneiderhan ließ das Panzerglas herunterfahren und schnüffelte, sein vollschlanker Gast blickte indigniert zur Seite. "Ne, Knoblauch mag ich nicht. Fahren wir in die Zentrale, da gibt's was Besseres."


Doch im CDU-Glashaus war längst Schmalhans Küchenmeister. Seit die Versorgung Westberlins wieder über eine Luftbrücke organisiert werden mußte, nachdem es auf den Transitwegen aus den alten Bundesländern zu bewaffneten Raubüberfällen auf Feinkosttransporte und Tiefkühlwaggons gekommen war, mußte an allen Ecken und Enden gespart werden. Immerhin, Wolfgang Schäuble hatte von Calwer KSK-Spezialkräften einen halben Zentner badische Maultaschen aus dem Ortenaukreis und ein Faß Trollinger-Lemberger einfliegen lassen. "Grüß Gott, Frau Doktr Merkl", sagte er in seinem unverwechselbaren Idiom und rollte auf die Ankömmlinge zu, "komme Se rei in die gute Schtube, Schneiderhan!"


Nachdem das Trio in raschem Tempo die Teigwaren hinuntergeschlungen und mit dem fruchtigen Roten nachgespült hatte ­ Schäuble blickte Merkel bei ihrem dritten Glas mißbilligend an -, knüpfte der Generalinspektor seine Uniformjacke etwas auf und schickte die Kellner und Sicherheitsbeamten hinaus. "In einem Wort: Beschissen. Die Lage ist beschissen. Und Struck ist schuld. Mit seinem dämlichen Motto, Deutschland werde am Hindukusch verteidigt, hat er unsere besten Einheiten in die Ferne geschickt. Territorialverteidigung, dafür war sich der Herr ja zu fein, beinahe 200 Kasernen wurden geschlossen. Und das Menschenmaterial, das uns jetzt noch an der Heimatfront zur Verfügung steht, ist einfach unzuverlässig. Achtzig Prozent der Zeitsoldaten sind Ossis, die als Arbeitslose zum Bund gekommen sind und jetzt nicht wissen, ob sie Vadder und Mudder einschläfern lassen sollen, um an die Abschußprämien von Hartz-VIII zu kommen. Sie sollten die Waschkörbe mit Briefen lesen, die der Wehrbeauftragte in den letzten vier Wochen bekommen hat. Und mit der Revolte im sächsischen Schneeberg haben sich einige unsere verläßlichsten Truppen den Roten angeschlossen und bilden jetzt den Kern dieser" ­ Schneiderhan schaufte verächtlich ­ "Nationalen Volksarmee". Das Schlimmste ist aber, daß diese Wagenknecht genügend alte Stasi-Leute um sich gesammelt hat, die die Zugänge zu den alten NVA-Bunkern mit eingemottetem Warschauer Pakt-Material kennen. An Waffen mangelt es diesen Verrückten nicht."


In diesem Augenblick ließ ein mächtiger Knall die Glasfassade des Konrad-Adenauer-Hauses erzittern. "Keine Sorge, Angela, nur ein Düsenjäger", beruhigte Schäuble seine Vorsitzende. Doch Schneiderhan war ans Fenster geeilt, und als er sich umdrehte, rang er sichtlich nach Atem. "Ein Düsenjäger ­ und was für einer. Das war eine MIG, Herr Schäuble". Ein bläulicher Kondensstreifen zog sich nach Osten und verlor sich hinter den schwelenden Ruinen von Marzahn.


"Wir dürfen keine Zeit verlieren. Bestellen Sie die Eskorte, wir müssen auf schnellstem Weg ins Bundeskanzleramt. Das Vaterland ist in Gefahr", schrie Merkel mit sich überschlagender Stimme. Ihre Lippen waren schmal geworden, ihre Augen zu Schlitzen, aus denen es gefährlich blitzte. Vielleicht steckte doch etwas von Maggie Thatcher in ihr, dachte der Rollstuhlfahrer nicht ohne Neid.


FORTSETZUNG FOLGT