Die letzten Tage im Kanzlerbunker (V).

Was bisher geschah: Nach der Verabschiedung von Hartz VIII sind zu Jahresanfang 2007 in der Bundesrepublik schwere Unruhen ausgebrochen. Die Gegner des Gesetzespakets kontrollieren große Teile der Hauptstadt und die meisten neuen Bundesländer.


Freitag, 17.25 Uhr. Noch 38 Stunden und 35 Minuten bis zur Öffnung der Wahllokale. Wladimir Kaminer wartete auf Angela Merkel. Der eiskalte Januarwind pfiff ihm um die Ohren, ab und zu peitschten Windböen mit Eiskristallen sein Gesicht ­ oben auf der Siegessäule war es nicht gerade angenehm. Der drahtige Russe lud das Magazin seiner G-22 nach ­ ein Scharfschützengewehr, mit dem man einem Spatzen auf 1500 Meter das Gehirn herausschießen kann. Doch hier ging es nicht um einen Spatzen, sondern um eine ziemlich fette Henne.


50 Stück der Präzisionswaffe hatte die britische Firma Accuracy International Ltd. nach ihrer Erstauslieferung 1997 an die Krisenreaktionskräfte (KSK) der Bundeswehr geliefert, danach durften sich andere NATO-Partner bedienen. Russen und andere unzuverlässige Kantonisten sollten eigentlich keinen Zugang zu diesem High Tech-Kunstwerk bekommen, aber wo der Rubel erst mal rollte, galten deutsche Beamtenvorschriften wenig. Kaminer pfiff vergnügt ein paar Töne aus den "Partisanen vom Amur", legte das Zielfernrohr über die Brüstung der Siegessäule, schaltete das Infrarot ein. Angie, mein Schatz, wo bleibst Du denn?

Viele Frauen liebten diesen Russen, der das Deutsche mit seinem gutturalen Akzent manchmal so aufrauhte und anschmirgelte, daß Frau ganz weiche Knie bekam. Seine Lesungen waren ausverkauft, und wenn er nach seinem Selbstgeschriebenen hinterher noch zur Russen-Disko lud und Platten auflegte, tanzten der russische und der Berliner Bär zusammen Moskovskaja. Irgendeiner hatte mal behauptet, nach Gorbatschow sei Kaminer der beliebteste Russe in Deutschland. Gottseidank war er nicht ganz so blöd. Schon vor dem Mauerfall hatte er sich als Informant des KGB verpflichtet und unter anderem mit einem gewissen Wladimir Putin Kontakt aufgenommen, der damals in Dresden residierte. Dann war alles drunter und drüber gegangen, zuerst wurde die DDR verschleudert und dann die Sowjetunion. Aber ein paar Leute im KGB hatten die Nerven behalten, im neugegründeten FSB durch geschickte Kaderpolitik überwintert und schließlich einen der ihren in den Kreml gebracht.


Seine deutschen Leser sahen in Kaminer einen slawischen Kindskopf, der sich gut auf Verse und Frauen verstand und immer einen Witz parat hatte. Die Passagen in seinen Büchern, wo er verspielt oder versoffen von seinen Jugenderlebnissen in der Sowjetunion schwärmte, waren als Ostalgie durchgegangen. Und daß er einmal Stalin verharmlost hatte, nahm ihm keiner übel, da er es so lieb verpackt hatte: Die Lager in Sibirien seien schon deswegen nicht so schlimm gewesen, weil sein Vater dort als Häftling seinen Ehefrust überwunden und am Ende die schönsten Jahre seines Lebens verbracht hatte.


Kaminers Handy piepste, auf dem Display erschien eine SMS: "Es geht los." Tatsächlich sah er in der Ferne, wie eine Wagenkolonne aus der Tiefgarage des Konrad-Adenauer-Hauses kam und mit hohem Tempo auf die Siegessäule zubretterte. "Scheiße!", entfuhr es dem Hobbyschriftsteller. Das waren keine Limousinen, wie er erwartet hatte, sondern Dingos. Gegen deren Panzerung hatte er auch mit einem G-22 keine Chance. Eine Stinger wäre notwendig gewesen, oder aus kürzerer Entfernung eine Panzerfaust. Aber mit solchen Kalibern wäre er niemals durch die Kontrollen gekommen ­ der Tierpark und die Straße des 17. Juni waren immer noch in der Hand der Bundeswehr.


Er wollte das Zielfernrohr gerade abmontieren, als eine mächtige Detonation den ersten der drei Panzer in die Luft schleuderte und den zweiten umwarf. Die Türen sprangen auf und mehrere Soldaten wurden wie Puppen herausgeschleudert. Kaminer zoomte die Szene heran und traute seinen Augen nicht: Aus den Büschen des Tierparks kam ein Trupp Freischärler in Tarnuniform. Was zum Teufel..., dachte Kaminer. Woher kommen diese wilden Gesellen? Offensichtlicht nicht Nationale Volksarmee. In der Vergrößerung suchte er das an den Ärmeln der Parkas aufgenähte Wappen zu erkennen. Nichts Rotes und nichts Schwarzes und nichts mit Hakenkreuz, also offensichtlich weder Kommunisten noch Anarchos noch Nazis, sondern irgend etwas Blau-Weißes. Die Blauen? Sollte die FPÖ aus Österreich in Berlin eine Kommandoaktion machen? Der verrückte Haider?


Plötzlich bekam Kaminer ein bekanntes Gesicht ins Visier: Zwei Grübchen, drahtiges graues Haar, weiche jungenhaften Züge ­ kein Zweifel, das war Horst Seehofer. Jo mei, flachste der Russe auf der Siegessäule, wo's hamma denn do? Blau-weiße Rauten! Ja logisch! Daß er da nicht gleich draufgekommen war! Das war die Bayrische Befreiungsfront, die Miliz der CSU-Rebellen, die wegen Hartz VIII mit Merkel und Stoiber gebrochen hatten und nun mit den Linken über eine gemeinsame Regierung verhandelten, aber sich für den Fall der Fälle nicht dem Generalstab der NVA unterstellt hatten. Kaminer pfiff noch ein paar Takte der "Partisanen vom Amur". Sein Auftrag war ausgeführt, wenn auch nicht von ihm.


Einen halben Kilometer weiter zogen hilfreiche Hände die CDU-Vorsitzende aus dem qualmenden Panzer, richteten sie auf und stützen sie. Seehofer trat hinzu, verbeugte sich galant und küßte Frau Merkel die Hand. "Liebe Angela, ich schätze mich glücklich, Sie so wohlbehalten hier anzutreffen. Darf ich Sie zu einem ganz privaten Parteitag einladen? Auf der Tagesordnung steht die Gesundheitsreform, ein Rückholantrag des CSU-Kreisverbandes Ingolstadt." Merkel riß ihre Hand weg, taumelte ein paar Schritte zurück. Seehofer lachte sie recht freundlich an und fragte sich, ob ihre Augenveilchen auf den gerade erlittenen Verkehrsunfall zurückgingen oder Resultat einer Make up-Katastrophe waren. Vermutlich müßte man die Dame genauer untersuchen, um diesen Punkt zu klären. Aber dazu hatte man ja jetzt reichlich Gelegenheit.


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