Die letzten Tage im Kanzlerbunker (VI).

Was bisher geschah: Nach der Verabschiedung von Hartz VIII sind zu Jahresanfang 2007 in der Bundesrepublik schwere Unruhen ausgebrochen. Die Regierung hat die Bundestagswahlen gefälscht, die vom Bundesverfassungsgericht angeordnete Wiederholung wird von den Hartz-Gegnern aus Furcht vor weiteren Manipulationen abgelehnt.


Samstag, 17.25 Uhr. Noch 14 Stunden und 35 Minuten bis zur Öffnung der Wahlllokale. Im atombombensicheren Keller des Bundeskanzleramts saß Minu Barati, Joschka Fischers fünfte Ehefrau, vor ihrem Schminktisch und weinte bitterlich. In ihrer kleinen Faust hielt sie einen zerknüllten Zeitungsartikel, warf ihn auf den Boden, trat mit spitzen Absätzen darauf herum. Laut aufheulend krümmte sie sich zusammen und verschränkte die Arme über dem Bauch, beugte sich schließlich nach unten, hob den Papierfetzen wieder auf und strich ihn glatt. "Sie ist schon wie eine moderne Soraya: Augen wie Schokoladenplätzchen, rote volle Lippen, elegant, weiblich, sinnlich. Selbst ihr Name ist sexy: Minu, das läßt man sich auf der Zunge zergehen, da fangen Männer das Träumen an, und Frauen, die Helga heißen, werden ein bißchen neidisch."


Das hatte die BILD-Zeitung vor gerade etwas mehr als zwei Jahren geschrieben, am 30. November 2004. Minu war damals hin- und hergerissen gewesen, einerseits war es so kitschig, andererseits hatte sie sich doch ein bißchen geschmeichelt gefühlt, daß das Blatt sie schon als künftige Gattin des Außenministers vorstellte. Und es stimmte doch auch, was man da über Joschka lesen konnte: Er sei "frauen-klug", ein "brain-fucker", sein "Geist macht geil", sein "Vorspiel findet nicht im Bett statt". Doch die Überschrift der Seite ­ ja, eine ganze Seite hatte BILD "Josckas Sexy Geheimnissen" gewidmet ­ hatte sie schon damals etwas traurig gestimmt: "Darum bekommt er immer die schönsten Frauen." Der Plural und das "immer" ­ das schmerzte. Immer die schönsten Frauen .... Warum nicht: endlich die schönste Frau?


Doch all das war vergessen, als sie ein knappes Jahr später vor dem Traualtar standen. "Joschkas Friedensheirat", hatte BILD getitelt, im Oktober des Jahres 2005 ­ der Außenminister hatte noch am Vortag vor dem Sicherheitsrat das deutsche Nein zum Krieg gegen den Iran erneuert, den die USA vom Zaun gebrochen hatten. Seine letzte Vermählung im Jahre 1999 hatte dagegen auf dem Höhepunkt des Nato-Krieges gegen Jugoslawien stattgefunden. Natürlich machten die Journalisten ein großes Mysterium aus der Tatsache, daß ihr Vater in eben jenem Stadtteil von Teheran geboren worden war, den die US Air Force kurz vor der Heirat mit Mega-Bomben vom Typ Daisy-Cutter förmlich pulverisiert hatte. War das nicht ein "deutlicher Ausdruck von Fischers altem Pazifismus", daß er in genau diesem Augenblick eine "Tochter der von Yankees geschändeten Stadt" zur Frau genommen hatte, wie das PDS-Blatt Neues Deutschland kommentierte? Doch Minu wußte es besser: Sie hatte mit dem persischen Erbe ihrer Familie kaum etwas zu tun, und ihr Joschka verhandelte längst hinter den Kulissen über eine deutsche Unterstützung für die Invasion.


Es klopfte. Minu hauchte ein "herein" und hoffte, daß keiner von den stiernackigen GSG9-Leuten mit irgendwelchen blödsinnigen Sicherheitsvorschriften kam. Gottseidank, es war Doris Schröder. Sie hatte sich vom ersten Augenblick mit der Kanzlergattin gut verstanden, und auf vielen Auslandsreisen hatten sie gemeinsam das "Damenprogramm" absolviert. Die Blondine schloß sie in die Arme, drückte ihr tränennasses Gesicht in die weichen Falten ihrer Cashmere-Stola. "Ich weiß, was Du jetzt durchmachst, Minu. Die Angst um Joschka, und gleichzeitig die Erniedrigung durch ihn ­ das ist schwer auszuhalten."


Minu heulte wieder auf, der zerflossene Mascara hatte ihre Augen in schwarze Höhlen verwandelt. "Dieser Schuft, dieses Schwein, warum kann er nur mit dem Schwanz denken? Und warum diese Condoleezza? Was hat sie, was ich nicht habe?"


"Deswegen bin ich gekommen, Minu. Gerade waren ein paar Leute vom BND bei Gerd. Sie haben die Videobilder ausgewertet, die Al Jazeera vor zwei Stunden ausgestrahlt hat. Demnach ist der Mann auf dem Bett zwar eindeutig dein Joschka, aber er ist ebenso eindeutig nicht bei Bewußtsein ­ seine Pupillen sind stark geweitet. Und die Frau, die sich in seinem Slip zu schaffen macht, sieht zwar aus wie die US-Außenministerin, aber soll ein Double des kubanischen Geheimdienstes sein. Offensichtlich hat man Joschka eine Falle gestellt."


"Aber um Himmels Willen, warum denn nur?" Minu war aufgesprungen, schüttelte die Ältere an den Schultern. Ihre Angst war noch groesser geworden, aber die Schande drueckte sie nicht mehr. Wenigstens, soviel schien jetzt klar, hatte er ihre Liebe nicht in den Schmutz gezogen.


In raschen Sätzen erklärte Doris Köpf, was die Maulwuerfe des BND bei der CIA über Joschkas eigenmächtige Mission in New York in Erfahrung gebracht hatten.


Minu wurde aschfahl. "Mein Gott, das ist ja furchtbar. Das ist ja noch schlimmer, als wenn er mich betrogen hätte. Was machen wir jetzt? Sind wir alle verloren?"


Zur gleichen Zeit schritt Schröder ein letztes Mal durch seine Gemächer, durch sein Arbeitszimmer, durch das Entrée des Kanzleramtes. Auch er sollte nach unten, sollte eigentlich schon längst im Bunker sein. Evakuierung, wie er dieses Wort haßte. Von Sicherheitsbedenken faselten sie, diese Schlappschwänze. Warum nicht etwas Flak um die Waschmaschine herum postieren? Dann konnten diese Verrückten mit ihren altersschwachen MiG kommen, und notfalls würde er sie selbst abschießen.


Auf der Wiese vor dem Reichstag brummten fast fünfzig Leopard-Panzer im Leerlauf mit aufgerichteten Rohren ­ sie sollten feindliche Jäger abschrecken, solange die Luftabwehrgeschütze noch nicht da waren. Schwere Dieselschwaden hingen blauschwarz in der Luft. Drüben stand der Tiergarten finster und drohend. Angeblich waren die Rebellen schon in diesen Bereich vorgedrungen, vor kurzem hatte er eine Detonation gehört. Auch daß Angela Merkel noch immer nicht eingetroffen war, verhieß nichts Gutes ­ sie hatte auf dem Weg vom Konrad-Adenauer-Haus den Großen Stern passieren müssen.


Schröder warf einen Blick hinüber zur Schweizer Botschaft. Das schmucke Gebäude hatte den Zweiten Weltkrieg überdauert und war jetzt das einzige weit und breit, das in voller Beleuchtung erstrahlte ­ Bundeswehr und Nationale Volksarmee hatten beide zugesichert, die Souveränität der diplomatischen Vertretungen zu respektieren. Der Kanzler hämmerte mit der Faust gegen die Wand hinter seinem Schreibtisch, es klang verdaechtig hohl. Verächtlich verzog er die Mundwinkel. Eigentlich hing er gar nicht so sehr an dem Bau hier. Was nützte es denn, wenn der Kasten größer war als das Weiße Haus? Innen drin war doch fast alles Pfusch. Eigentlich war alles auf seinen Wunsch mit Sichtbeton ausgekleidet worden, der war teurer und schmucker als Carrara-Marmor. Doch die Stukkateure hatten mit billigen Hilfsarbeitern aus Polen gearbeitet, der Beton hatte Blasen geworfen, und am Schluß mußte man alles mit Rigips-Platten abhängen.


Zeit für ihn, die Tapeten zu wechseln. Runter in den Kanzlerbunker. Von dort würde die letzte Schlacht geschlagen. Auch wenn Angela nicht kam.


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